Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung vom 10.03.1940, Nr. 358, Seite 2 Balladrume von Ernst Frick Aus der Mündungsebene von Melezza und Maggia erhebt sich ein schluchten- und muldenreiches Hügelland im Schatten der steilen Hänge der Corona die Pinci. Hier suchte das Eis von Bavona, Lavizarra und Onsernone, bedrängt durch die Massen des Adulagletschers, den Weg durch das Becken des Langensees nach Süden. Zurück blieb eine Landschaft der Riesen und Hirten: schwarze, in Eis gerundete, von der Sonne verbrannte Höcker, mit Findlingsblöcken übersäht; Heide und helle Birken mit braunen Ringen, von denen seit Jahrtausenden die Hirten die Rinde für ihre Kerzen lösen; Moorseen, offene Weide und Kastanienhaine, nie versiegende Quellen und Bäche, das Klempern der Herdenschellen und freundliche, in eine andere Welt deutende Menschen. Die Dämonen allerdings, erklärte mir ein Mädchen dieser Berge, die zeigen sich nicht mehr, weil die Menschen zu klug geworden sind. Mitten in dieser Urlandschaft liegt Arcegno; schwarzgraue Mauern, in Obst- und Weingärten versteckt; Tore dunkler Alter, durch die helle Rinder gehen. Südlich vom Dorfe, über einem kleinen Hochplateau, das der Weg von Losone nach Ronco quert, steht der Kamm der Balladrume. Mit mächtigen Wänden, breite Terrassen tragend, sinkt der Berg zur Collina, und zum Ort Ascona an die Wasser des Langensees. Über dem Orte und seinen bergähnlichen Mauern liegt kaum durchdringbares Schweigen dunkel gewordener Jahrtausende. In diesen Mauern aber befand sich das feste Lager von Hirten. Zwar sagt eine endlich und mühsam ausgewühlte Sage, dass auf Balladrume eine Stadt mit Türmen gestanden habe. Ohne Gewalt an der Sage: eine Stadt mit Castellen und Türmen war Ascona, das mittelalterliche Abbild von Balladrume: hier aber bildeten die Felsen die Bastionen, und der Mensch hat, grossartig wie die Natur, aber mit einfachen Mitteln, die Stellung ausgebaut. Zwischen Felswände, über zugängliche Felsköpfe, zogen die Erbauer sperrende Mauern, und erst das Zusammenleben von Fels und Mauer ergibt das befestigte Lagersystem, wie man es aus den zahllosen Beispielen aus der Vorzeit kennt. Die Mauern selbst sind ohne klassische Regel: aufgehäufte Steine, mit schweren Platten abgedeckt, die nochmals mit ihrem Gewicht das Ganze verfestigen, vervollständigt zu denken mit einem Verbau von Stämmen und Ästen, ähnlich dem Stacheldrahtwerk moderner Festungen. Derart ist die Kuppe des Berges eine Burg, die den Kamm für ein Städtchen, wie etwa das zürcherische Regensberg, umschliesst. Das Besondere an Balladrume ist nun die Angliederung anderer Burgen auf den tieferliegenden Terrassen. Sie sind wie die Oberburg konstruiert; die äusseren und inneren Zugänge doppelt und vielfach mit Mauern gesperrt, so dass jede Burg für sich bewehrt war, der Angreifer aber mit der Eroberung der einen Burg wenig gewann, weil er den zurückweichenden Verteidiger in den oberen Bollwerken wieder vor sich sah. Heute ist der Grossteil der weitläufigen Mauern verfallen; doch lässt die Anlage erkennen, dass gleichermassen unabhängige und verbundene Geschlechter hier wohnten. Durch dieses Burgensystem erklärt sich der andere Name der Balladrume: Casteji, das die Mehrzahl von Burg, Castelli, bedeutet. Die hier besprochene Landschaft ist jetzt noch Hirtenland und so steht es mit den tessinischen Tälern. Der übergrosse Teil des Bodens ist Gemeindebesitz und Weide; dem ist auch der Wald als Weidland eingeordnet; nur dem Eigenbedarf dient der Ackerbau. Der Hirte ist Nomade; von den Winterweiden in der Tiefe wandert er im Frühling auf die Monti oder Maiensässen, auf die Alpen im Sommer und steigt im Herbst langsam dem Winterlager zu. Gerade dieses musste gegen den landnehmenden Bauern, gegen äussere Feinde überhaupt, verteidigt werden; drum stehen an allen Talzugängen die festen Lager, wenn auch nicht alle so stark wie Balladrume. Die Anwürfe gegen die Gebirgsleute: turba, montanare, peccoraji rapace, in Summa Räuber, sind mit den klassischen Schriftstellern nicht ausgestorben. Der Hirte aber hat nicht vergessen, die Herden können es nicht vergessen, wo ihre Weiden sind; so brennt manches unverstandene Feuer. In den Bergen lebt noch uralte Ordnung. Hier ist die Geschichte der Vorzeit Leben und steht für den fehlenden Literaturnachweis. An all seinen wechselnden Wohnplätzen hatte der Hirte für sich und seine Herden schützende Lager, die sicher oft auch gegen unfreundliche Nachbarn dienten. Sie finden sich noch in den Höhen der obersten Alpen, Festen der Natur, oft nur durch ihren Namen und ihre Sage kenntlich gemacht. Im Zusammenhang sind zu nennen: die Monti von Agord mit Letzinen und Patnal, ein Burgname hoch über Bosco/Gurin, dessen Alpen bis ins hohe Mittelalter zu Losone gehörten. Alle diese Lager sind nicht zu verwechseln mit städtischen und feudalen Burgen des Altertums. Dass sie unter sich und mit den benachbarten Tälern durch Licht- und Tonsignale in Wachsamkeit in Verbindung standen, macht keine Mühe, sich vorzustellen. Heute noch gehen von Berg zu Tal, von Turm zu Turm, die Rufe und Feuerzeichen und viele Lichter brennen wieder im Zeichen der Wehrbereitschaft. Der Name Balladrume wirft einiges Licht auf seinen Ort. Er ist ein Doppelwort, etwa wie Belfort, Burgfeste, der keltischen Sprachgruppe angehörend. Zu dieser und ähnlichen Zusammensetzungen lebt er in zahlreichen Ortsnamen Irlands und Schottlands fast unverändert fort, wie Balla, Ballyn, Ballycastle, Dundrum. Leicht verwandelt findet sich diese Art Burgname überall, wo Kelten lebten. Im näheren Kreise Bellinzona-Bilitio, Ballalüna ob Filisur (auf neueren Karten unsinnig "Ballalune"), Balfrei bei Churwalden, die italienischen Bellano und Belluno, unter vielen anderen, ohne die deutschschweizerischen Entsprechungen zu nennen. Die unvertrauten Bastarde Balivo, Balia, Baliaggio für Burgvogt und Vogtei sind im Tessin Geschichte. Drume, besonders ungelautet, spielt kaum eine geringere Rolle in der Namensgebung als Balla. Ob der Name Balladrume, wie manche andere, leicht italienisierte Ortsnamen des Tessins, von den im 4. Jahrhundert v. Chr. einwandernden Galliern gegeben wurde, oder von einer schon früher einwohnenden verwandten Volksgruppe angehörte, muss mit vielen anderen Beziehungen hier offen bleiben. Weniger von den verwickelten Wandlungen früher Art und ihren vielfältigen Formen sollte die Rede sein, denn von dem Lichte, das unverändert im Dunkel scheint.