Ernst Frick
1881 – 1956

 

 
Schalensteine - Monolithische Türstürze

  .. und hier ein interessanter Link zu Daniel Reichmuths www.erratiker.ch

Beitrag zur Deutung der Schalensteine
 
Separatabdruck aus dem 34. Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Urgeschichte 1943

 
 
Von Ernst Frick
 
Der Archäologe hat die Neigung, alle Schalensteine als Menschenwerk zu betrachten und die natürliche Herkunft nicht zu beachten, während der Geologe die Schale für eine unter den vielen elementaren Erosionsformen hält und wenig Interesse für die künstliche Gestaltung hat. So bleibt die Frage nach der Ausscheidung künstlicher und natürlicher Schalen offen, die oft schwierig oder unmöglich sein kann. Unberührt von diesem Problem sind die Menschen, denen die Schalensteine Gegenstand zeitlicher und überzeitlicher Bedeutung sind, denen die Anwendung, nicht die Entstehung der Schalen wesentlich ist.
 
Schalenähnliche Gebilde im Gestein und auch im Sande entstehen durch die Wirkung des Windes, Karrenbildungen durch chemische Auflösung, die nicht verwechselt werden sollen mit den Schalen, Strudellöchern und Riesentöpfen, die von den Wassern der Gletscher und Flüsse gebildet wurden. Alb. Heim handelt darüber und Streiff-Becker beschreibt die Gletschererosion, von dem einiges auch den Archäologen interessieren muss: „Der Kolk des Eises liegt oberhalb, nicht unterhalb wie beim Wasser, der Steilstufe, es ist kein Zufall, dass die schüsselförmigen Vertiefungen, Schliffe und Buckel oberhalb der Steilstufen am häufigsten sind. Der Gletscher überfährt Schutt und bildet ein Schuttbett, überfährt einen Felsblock und erodiert durch das Grundwasser im Gletscher." Viele der Schalensteine stehen nun gerade an den Stellen des ehemaligen Gletschers, wo seine Erosionstätigkeit am besten zur Wirkung kam, im fast horizontalen oder leicht geneigten Gletscherbett, wo das Eis Widerstand fand, und das Wasser mehr in unmerklicher Zeit und Kraftanwendung als in sichtbarer Gewalttätigkeit die Gletschermühlen mahlte. So wird verständlich, dass auch senkrechte Wände des ehemaligen Eisbettes und Findlinge Napfbildungen zeigen können, die jeder praktischen, d. h. archäologischen Erklärung widerstreben.
 
Ich bin den Schalensteinen und ihrem Geheimnisse hauptsächlich im Stromgebiet der Tessiner Maggia nachgegangen, das überreich ist an lebendigen Beispielen der Eis- und Wassertätigkeit und altertümlichen Spuren der Menschen. Dazu gehören der Carion von Pontebroglio, die Riesentöpfe von Pontite-Foroglio und die im Dorfbach von Bosco-Gurin, in denen jetzt die Jugend badet. Der größte Strudeltopfe von allen in diesem Gebiet scheint mir der Langensee zu sein, dessen Boden bis 200 Meter unter dem Niveau des Meeres liegt.
 
Jene Schalen, die den Altertumsforscher interessieren, finden sich fast unzählbar auf den leicht geneigten, rasenfreien Felsenhängen der Alp Wolfstafel und, weniger zahlreich, auf den anderen Alpen von Bosco/Gurin: kleine, wenige Zentimeter große Näpfe, einzeln und zu ganzen Schnüren aufgereiht, wie eine Spielerei des Gletschers, andere größer, die wie Opferschalen auf einem Felsblock liegen, auf dem gewachsenen Fels und auf verstürzten Steinen. Über ihre Zugehörigkeit zu den verschwundenen Gletschern kann kaum ein Zweifel bestehen. Verwirrender sind die Schalen, die sich direkt auf den Grenzstellen und Pässen finden, Orten, wo sich die Wege der Gletscher, Wetter, Menschen und Herden decken und überschneiden. Viele unter ihnen lassen aus ihrer Beschaffenheit keinen Schluss zu, ob sie künstlich oder natürlich sind. Trotzdem sind sicher die einen dem Gletscher, andere dem Menschen zuzuschreiben. Drei befinden sich auf Blöcken, die zugleich die moderne Grenzmarke tragen: eine in der Chälu, oder Hinteren (Guriner) Furka. An den gleichen Fels lehnten die italienischen Zollwächter eine altertümliche, aus überkragenden Steinen gebaute, winzige Schutzhütte. Die zwei anderen sind auf den Grenzmarken gegen Cerentino, im Talgrund der Tschos und hinter der Creschta im Torli. Über einen vierten dieser Reihe berichte ich weiter unten. Schalen, die sich mit der Grenze decken, sind auf dem Quadrellapaß, auf dem Übergang von der italienischen Kramegg zur Alp Martinello, Cimalmotto, und in der Bocca di Cerentino zwischen Corte Antico und Val Calneggia. Auf Curbaschö ist eine Schale, die vielleicht eine alte überholte Grenze bezeichnet. Die meisten Schalen sind auf granitoiden Antigorio- oder feinbankigen Gneißen, doch scheint sich der Gletscher um die Unterlage nicht gekümmert zu haben, denn die Schalen treten auf Kalk und Giltsteinbändern in derselben Form auf. Nicht erhalten hat sie der knollige Granatschiefer, doch das liegt an der Verwitterungsart dieses Felsens. Keine Schalen sah ich auf Bergspitzen, aber ich habe sie dort auch nicht gesucht. Auf meine Fragen bei den ältesten Einwohnern Gurins nach der möglichen Bedeutung dieser Grenzschalen, bekam ich zur Antwort, dass noch in ihrer Jugendzeit dort Lichter gebrannt wurden, um die Unwetter vom Tal fernzuhalten. Das erinnert an Schalensteine auf Passhöhen Südamerikas, von denen Rütimeyer in seiner Schrift „Über Schalen- und Gleitsteine" berichtet, an denen die Indianer noch heute ihre Opfergabe niederlegen, um eine glückliche Reise zu gewährleisten. Mit der „magischen" ist hier die Bedeutung der Schalen als Grenzzeichen verbunden. Das Lebendighalten der Grenzmarken durch gemeinsamen Umgang und andere feierliche Prozeduren ist heute noch in bekannter Übung. Die Vernachlässigung davon und die Verrufung des Lichterbrennens hat gerade in unseren Tagen in Gurin zu einem bösen Grenzstreit mit der Nachbargemeinde Cerentino geführt, der schließlich von einem Schalenstein entschieden wurde. Auf der schon erwähnten Grenze nach Cerentino liegt zwischen Creschta und Tschos ein Felsblock „Wo dr Balmu" mit Schalen und überkragender Schutzwand für Ziegen und Hirtenbuben. Die Bürger von Cerentino behaupteten, dass dieser Balmen ein Grenzstein wäre, der die Grenzlinie, die nach der Meinung derer von Gurin gerade vom Kamm zum Grund verlaufen sollte, zu ihren Ungunsten knickte. Der eingesetzte Schiedsrichter, der auf seine Frage, ob an diesem Steine Lichter gebrannt worden seien, eine bejahende Antwort bekam, entschied, dass da die Grenze verlaufe. Die neue Grenzmarke wurde trotzdem ein paar Schritte seitwärts auf einem kleineren Blocke angebracht, damit die Bewohner von Gurin wenigstens im ungeteilten Besitz des Balms blieben. Nach diesem Spruche wäre das Wissen vom Schalenstein als Grenzmarke bis heute lebendig geblieben. Im Schutze des Balmen liegt ein altes Kreuz, mit von Hirtenbuben eingeritzten Hauszeichen, Initialen und Jahreszahlen und einer viereckigen Vertiefung von Schalengröße, in die, nach Mitteilung, das schmelzende Wachs floss. Vielleicht aber war sie zur Salbung, wie von anderen Orten belegt, bestimmt. Mit einem Nagel am Kreuz befestigt, habe ich noch das Ende einer Wachsschnur gefunden, dessen Alter ich nicht bestimmen konnte, das aber nicht gut höher als das von noch lebenden Leuten sein kann. Besondere Aufmerksamkeit verdienen jene Schalensteine, die ihre Zeichen dem Spiele der Knaben verdanken. Man findet sie hier überall, hoch auf den Alpweiden, bei den Alphütten und unten im Dorfe vor den Häusern, auf den Schwellen der Türen usw., besonders da, wo die Hirtenjungen ihre Lagerplätze haben. Da kann man einen Knaben auf einem Felsblock oder einer Platte sitzen sehen, scheinbar durch nichts angetrieben, durch nichts abzulenken, mit Hammer und Meißel auf den Stein hämmernd, bis einer der kleinen Näpfe, wie sie der Gletscher hinterlassen hat, entstanden ist. Dann kann eine zweite, dritte folgen, die unter sich manchmal durch Rillen verbunden werden. Wie beim Gletscher scheint auch hier die Unterlage keine Rolle zu spielen; der Knabe arbeitet auf dem weichen Giltstein und dem harten Quarz in gleich ruhiger Beharrlichkeit. Wenn die Schale ihre Verwitterungsrinde erhalten hat, ist sie oft schwer von einer natürlichen zu unterscheiden. Auf einer günstigen Steinplatte können für sich oder mit den Schalen gruppiert andere Zeichen erscheinen: der Kopf eines Menschen oder Tieres, Hauszeichen, Initialen, Jahreszahlen, so dass sie das Aussehen einer prähistorischen Bildwand bekommen. Wenn Geschlechterzeichen, Initialen und Jahreszahl mit Zeichen von Totems und so genannten Seelensteinen in Beziehung gebracht werden, dann liegt nahe, dass auch die Spielschalen dasselbe bedeuten können. Die Schalen der Gletscherwand und die der Buben kann man für ein Naturspiel nehmen und zugleich die tiefere Bestimmtheit ahnen.
 
Unzweifelhaft menschlicher Tätigkeit zuzuschreiben sind Schalensteine, die als Werkzeug für bestimmte Zwecke hergestellt wurden. Manche sind aus ältester Zeit bis heute im Gebrauch geblieben und zeigen ihre Ursprünglichkeit oft darin, dass nur die Werkseite bearbeitet wurde, der Stein selber unbehauen blieb.
 
Fast in allen Bergdörfern des Tessins liegen noch alte Mörser verschiedenster Größen mit oft sehr sorgfältig, im sonst unbehauenen Steinblock, eingetiefter Schale, auf dem Rande manchmal ein kleines Schälchen, das wohl für ein Licht bei der nächtlichen Arbeit gedacht war. Zu den Mörsern muss man die gleicherweise aus einem Findling gehauenen Brunnentröge stellen, die leider immer mehr durch Kunstwerke aller Art ersetzt werden. Doch bleibt die Freude zum Monolithen gerade hier besonders stark und hat nicht wenig Zeugen dafür in Dörfern und Städten anderer Landschaften.1 Ich erwähne hier kleine, etwa spannengroße Schalensteine, die ich im Tessin nicht sah, die als Weihwasserbecken auf den Gräbern der Nordschweiz, z. B. Baselland, sich finden. Ich sah nur ganz behauene, modernisierte, natürlich auch in Zement, aber ihr direkter Zusammenhang mit den alten Opferschalen der Toten des Altertums ist nicht zu übersehen. Besonders auffallend ist eine etwa 60 cm im Quadrat messende Grabplatte, Sockel für den eisernen Inschriftträger, mit zwei ungefähr 10 cm weiten Schalen, auf dem Kirchhof von Therwil.
 
Wiederholt fand ich einschalige Steine, die mit Gletschernäpfen zu verwechseln gewesen wären, wenn ich nicht hätte feststellen können, dass da einmal das Tor einer verschwundenen Hütte stand, dessen Achse sich in der Schale drehte. Diese Torschalenkonstruktion ist nicht selten auf anstehendem Fels oder einem unbehauenen Block im Sockel der megalithartigen Tore, als Achsenlager alter Mühlen, für Drehgestelle der Käsekessel und so weiter.
 
Zum Schlusse zähle ich noch die Schalen auf den Giltsteinplatten-Öfen in Gurin auf. Auf meine Frage nach ihrer Bedeutung sagte man mir ohne weiteres, dass an dieser Stelle die Haselnüsse aufgeschlagen wurden, dass so die Schale mit der Zeit entstanden sei. Ähnliches erwähnt Rütimeyer für Afrika und Amerika, nur dass dort Dattelkerne und Eicheln zerschlagen wurden. Das ist ein Beispiel für die zufällige Entstehung einer Schale, die leicht zu einer zweckbewussten Herstellung führen kann. Ebenso nahe liegt hier die Verwendung einer schon vorhandenen natürlichen Schale als Mörser.
 
Diese paar Beispiele zeigen, wie schwierig die zeitliche und sachliche Bestimmung der Schalensteine sein kann, wenn man ihre Beziehung nicht kennt. Sie sind selbstverständlich, solange Brauch und Funktion mit ihnen verbunden bleiben, und gehören zu den schönsten Urkunden unserer Geschichte, wenn schon die Dämmerung über ihnen liegt.
 
 
1 Der Tessin hat heute noch eine ganz besonders lebendige Beziehung zum Stein. Man beachte z. B. die monolithischen Türbalken in Tegna, Arcegno und Losone oder den 4 m langen Monolithen mit kopfähnlicher Bosse in der Mitte in einer Mauer in S. Rocco-Losone. (Es wird m. E. höchste Zeit, dass diese Monolithen, die eine alte Tradition verraten, aufgenommen und geschützt würden. K.K.-T.).
 
 

Zum Originalabdruck Seite 1 / 2 / 3 / 4

 

Aus dem Nachruf von Joachim Schroeter:
 
Die Gabe des Intuitierens hatte Ernst Frick seit Jahrzehnten von der rein künstlerischen Betätigung weitab geführt. Ihn zog jenes Forschungsgebiet besonders an, das Leopold Rütimeyer in seiner "Urethnographie der Schweiz" in methodisch vorzüglicher Weise dargestellt hatte: das Überleben der Reliktformen prähistorischer Kulturen. Unter anderem beschäftigte ihn das Problem der Schalensteine (vgl. "Jahrbuch der Schweiz. Gesellschaft für Urgeschichte", Band 34, 1943); dann die monolithischen Türstürze, eine Bauform, die im Tessin sehr lange, bis ins 19. Jahrhundert hinein, überlebt hat und wovon sich in Losone, Arcegno und Tegna einige sehr eindrückliche Beispiele finden, auf die Frick wohl zuerst aufmerksam geworden ist.

 

letzte Aktualisierung: 28.03.2009