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Ernst Frick |
Schalensteine - Monolithische Türstürze
.. und hier ein interessanter Link zu Daniel Reichmuths www.erratiker.ch
Beitrag zur Deutung der Schalensteine
Separatabdruck aus dem 34. Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für
Urgeschichte 1943
Von Ernst Frick
Der Archäologe hat die Neigung, alle Schalensteine als Menschenwerk zu
betrachten und die natürliche Herkunft nicht zu beachten, während der Geologe
die Schale für eine unter den vielen elementaren Erosionsformen hält und wenig
Interesse für die künstliche Gestaltung hat. So bleibt die Frage nach der
Ausscheidung künstlicher und natürlicher Schalen offen, die oft schwierig oder
unmöglich sein kann. Unberührt von diesem Problem sind die Menschen, denen die
Schalensteine Gegenstand zeitlicher und überzeitlicher Bedeutung sind, denen
die Anwendung, nicht die Entstehung der Schalen wesentlich ist.
Schalenähnliche Gebilde im Gestein und auch im Sande entstehen durch die
Wirkung des Windes, Karrenbildungen durch chemische Auflösung, die nicht
verwechselt werden sollen mit den Schalen, Strudellöchern und Riesentöpfen,
die von den Wassern der Gletscher und Flüsse gebildet wurden. Alb. Heim
handelt darüber und Streiff-Becker beschreibt die Gletschererosion, von dem
einiges auch den Archäologen interessieren muss: „Der Kolk des Eises liegt
oberhalb, nicht unterhalb wie beim Wasser, der Steilstufe, es ist kein Zufall,
dass die schüsselförmigen Vertiefungen, Schliffe und Buckel oberhalb der
Steilstufen am häufigsten sind. Der Gletscher überfährt Schutt und bildet ein
Schuttbett, überfährt einen Felsblock und erodiert durch das Grundwasser im
Gletscher." Viele der Schalensteine stehen nun gerade an den Stellen des
ehemaligen Gletschers, wo seine Erosionstätigkeit am besten zur Wirkung kam,
im fast horizontalen oder leicht geneigten Gletscherbett, wo das Eis
Widerstand fand, und das Wasser mehr in unmerklicher Zeit und Kraftanwendung
als in sichtbarer Gewalttätigkeit die Gletschermühlen mahlte. So wird
verständlich, dass auch senkrechte Wände des ehemaligen Eisbettes und
Findlinge Napfbildungen zeigen können, die jeder praktischen, d. h.
archäologischen Erklärung widerstreben.
Ich bin den Schalensteinen und ihrem Geheimnisse hauptsächlich im Stromgebiet
der Tessiner Maggia nachgegangen, das überreich ist an lebendigen Beispielen
der Eis- und Wassertätigkeit und altertümlichen Spuren der Menschen. Dazu
gehören der Carion von Pontebroglio, die Riesentöpfe von Pontite-Foroglio und
die im Dorfbach von Bosco-Gurin, in denen jetzt die Jugend badet. Der größte
Strudeltopfe von allen in diesem Gebiet scheint mir der Langensee zu sein,
dessen Boden bis 200 Meter unter dem Niveau des Meeres liegt.
Jene Schalen, die den Altertumsforscher interessieren, finden sich fast
unzählbar auf den leicht geneigten, rasenfreien Felsenhängen der Alp
Wolfstafel und, weniger zahlreich, auf den anderen Alpen von Bosco/Gurin:
kleine, wenige Zentimeter große Näpfe, einzeln und zu ganzen Schnüren
aufgereiht, wie eine Spielerei des Gletschers, andere größer, die wie
Opferschalen auf einem Felsblock liegen, auf dem gewachsenen Fels und auf
verstürzten Steinen. Über ihre Zugehörigkeit zu den verschwundenen Gletschern
kann kaum ein Zweifel bestehen. Verwirrender sind die Schalen, die sich direkt
auf den Grenzstellen und Pässen finden, Orten, wo sich die Wege der Gletscher,
Wetter, Menschen und Herden decken und überschneiden. Viele unter ihnen lassen
aus ihrer Beschaffenheit keinen Schluss zu, ob sie künstlich oder natürlich
sind. Trotzdem sind sicher die einen dem Gletscher, andere dem Menschen
zuzuschreiben. Drei befinden sich auf Blöcken, die zugleich die moderne
Grenzmarke tragen: eine in der Chälu, oder Hinteren (Guriner) Furka. An den
gleichen Fels lehnten die italienischen Zollwächter eine altertümliche, aus
überkragenden Steinen gebaute, winzige Schutzhütte. Die zwei anderen sind auf
den Grenzmarken gegen Cerentino, im Talgrund der Tschos und hinter der
Creschta im Torli. Über einen vierten dieser Reihe berichte ich weiter unten.
Schalen, die sich mit der Grenze decken, sind auf dem Quadrellapaß, auf dem
Übergang von der italienischen Kramegg zur Alp Martinello, Cimalmotto, und in
der Bocca di Cerentino zwischen Corte Antico und Val Calneggia. Auf Curbaschö
ist eine Schale, die vielleicht eine alte überholte Grenze bezeichnet. Die
meisten Schalen sind auf granitoiden Antigorio- oder feinbankigen Gneißen,
doch scheint sich der Gletscher um die Unterlage nicht gekümmert zu haben,
denn die Schalen treten auf Kalk und Giltsteinbändern in derselben Form auf.
Nicht erhalten hat sie der knollige Granatschiefer, doch das liegt an der
Verwitterungsart dieses Felsens. Keine Schalen sah ich auf Bergspitzen, aber
ich habe sie dort auch nicht gesucht. Auf meine Fragen bei den ältesten
Einwohnern Gurins nach der möglichen Bedeutung dieser Grenzschalen, bekam ich
zur Antwort, dass noch in ihrer Jugendzeit dort Lichter gebrannt wurden, um
die Unwetter vom Tal fernzuhalten. Das erinnert an Schalensteine auf Passhöhen
Südamerikas, von denen Rütimeyer in seiner Schrift „Über Schalen- und
Gleitsteine" berichtet, an denen die Indianer noch heute ihre Opfergabe
niederlegen, um eine glückliche Reise zu gewährleisten. Mit der „magischen"
ist hier die Bedeutung der Schalen als Grenzzeichen verbunden. Das
Lebendighalten der Grenzmarken durch gemeinsamen Umgang und andere feierliche
Prozeduren ist heute noch in bekannter Übung. Die Vernachlässigung davon und
die Verrufung des Lichterbrennens hat gerade in unseren Tagen in Gurin zu
einem bösen Grenzstreit mit der Nachbargemeinde Cerentino geführt, der
schließlich von einem Schalenstein entschieden wurde. Auf der schon erwähnten
Grenze nach Cerentino liegt zwischen Creschta und Tschos ein Felsblock „Wo dr
Balmu" mit Schalen und überkragender Schutzwand für Ziegen und Hirtenbuben.
Die Bürger von Cerentino behaupteten, dass dieser Balmen ein Grenzstein wäre,
der die Grenzlinie, die nach der Meinung derer von Gurin gerade vom Kamm zum
Grund verlaufen sollte, zu ihren Ungunsten knickte. Der eingesetzte
Schiedsrichter, der auf seine Frage, ob an diesem Steine Lichter gebrannt
worden seien, eine bejahende Antwort bekam, entschied, dass da die Grenze
verlaufe. Die neue Grenzmarke wurde trotzdem ein paar Schritte seitwärts auf
einem kleineren Blocke angebracht, damit die Bewohner von Gurin wenigstens im
ungeteilten Besitz des Balms blieben. Nach diesem Spruche wäre das Wissen vom
Schalenstein als Grenzmarke bis heute lebendig geblieben. Im Schutze des
Balmen liegt ein altes Kreuz, mit von Hirtenbuben eingeritzten Hauszeichen,
Initialen und Jahreszahlen und einer viereckigen Vertiefung von Schalengröße,
in die, nach Mitteilung, das schmelzende Wachs floss. Vielleicht aber war sie
zur Salbung, wie von anderen Orten belegt, bestimmt. Mit einem Nagel am Kreuz
befestigt, habe ich noch das Ende einer Wachsschnur gefunden, dessen Alter ich
nicht bestimmen konnte, das aber nicht gut höher als das von noch lebenden
Leuten sein kann. Besondere Aufmerksamkeit verdienen jene Schalensteine, die
ihre Zeichen dem Spiele der Knaben verdanken. Man findet sie hier überall,
hoch auf den Alpweiden, bei den Alphütten und unten im Dorfe vor den Häusern,
auf den Schwellen der Türen usw., besonders da, wo die Hirtenjungen ihre
Lagerplätze haben. Da kann man einen Knaben auf einem Felsblock oder einer
Platte sitzen sehen, scheinbar durch nichts angetrieben, durch nichts
abzulenken, mit Hammer und Meißel auf den Stein hämmernd, bis einer der
kleinen Näpfe, wie sie der Gletscher hinterlassen hat, entstanden ist. Dann
kann eine zweite, dritte folgen, die unter sich manchmal durch Rillen
verbunden werden. Wie beim Gletscher scheint auch hier die Unterlage keine
Rolle zu spielen; der Knabe arbeitet auf dem weichen Giltstein und dem harten
Quarz in gleich ruhiger Beharrlichkeit. Wenn die Schale ihre
Verwitterungsrinde erhalten hat, ist sie oft schwer von einer natürlichen zu
unterscheiden. Auf einer günstigen Steinplatte können für sich oder mit den
Schalen gruppiert andere Zeichen erscheinen: der Kopf eines Menschen oder
Tieres, Hauszeichen, Initialen, Jahreszahlen, so dass sie das Aussehen einer
prähistorischen Bildwand bekommen. Wenn Geschlechterzeichen, Initialen und
Jahreszahl mit Zeichen von Totems und so genannten Seelensteinen in Beziehung
gebracht werden, dann liegt nahe, dass auch die Spielschalen dasselbe bedeuten
können. Die Schalen der Gletscherwand und die der Buben kann man für ein
Naturspiel nehmen und zugleich die tiefere Bestimmtheit ahnen.
Unzweifelhaft menschlicher Tätigkeit zuzuschreiben sind Schalensteine, die als
Werkzeug für bestimmte Zwecke hergestellt wurden. Manche sind aus ältester
Zeit bis heute im Gebrauch geblieben und zeigen ihre Ursprünglichkeit oft
darin, dass nur die Werkseite bearbeitet wurde, der Stein selber unbehauen
blieb.
Fast in allen Bergdörfern des Tessins liegen noch alte Mörser verschiedenster
Größen mit oft sehr sorgfältig, im sonst unbehauenen Steinblock, eingetiefter
Schale, auf dem Rande manchmal ein kleines Schälchen, das wohl für ein Licht
bei der nächtlichen Arbeit gedacht war. Zu den Mörsern muss man die
gleicherweise aus einem Findling gehauenen Brunnentröge stellen, die leider
immer mehr durch Kunstwerke aller Art ersetzt werden. Doch bleibt die Freude
zum Monolithen gerade hier besonders stark und hat nicht wenig Zeugen dafür in
Dörfern und Städten anderer Landschaften.1 Ich erwähne hier kleine,
etwa spannengroße Schalensteine, die ich im Tessin nicht sah, die als
Weihwasserbecken auf den Gräbern der Nordschweiz, z. B. Baselland, sich
finden. Ich sah nur ganz behauene, modernisierte, natürlich auch in Zement,
aber ihr direkter Zusammenhang mit den alten Opferschalen der Toten des
Altertums ist nicht zu übersehen. Besonders auffallend ist eine etwa 60 cm im
Quadrat messende Grabplatte, Sockel für den eisernen Inschriftträger, mit zwei
ungefähr 10 cm weiten Schalen, auf dem Kirchhof von Therwil.
Wiederholt fand ich einschalige Steine, die mit Gletschernäpfen zu verwechseln
gewesen wären, wenn ich nicht hätte feststellen können, dass da einmal das Tor
einer verschwundenen Hütte stand, dessen Achse sich in der Schale drehte.
Diese Torschalenkonstruktion ist nicht selten auf anstehendem Fels oder einem
unbehauenen Block im Sockel der megalithartigen Tore, als Achsenlager alter
Mühlen, für Drehgestelle der Käsekessel und so weiter.
Zum Schlusse zähle ich noch die Schalen auf den Giltsteinplatten-Öfen in Gurin
auf. Auf meine Frage nach ihrer Bedeutung sagte man mir ohne weiteres, dass an
dieser Stelle die Haselnüsse aufgeschlagen wurden, dass so die Schale mit der
Zeit entstanden sei. Ähnliches erwähnt Rütimeyer für Afrika und Amerika, nur
dass dort Dattelkerne und Eicheln zerschlagen wurden. Das ist ein Beispiel für
die zufällige Entstehung einer Schale, die leicht zu einer zweckbewussten
Herstellung führen kann. Ebenso nahe liegt hier die Verwendung einer schon
vorhandenen natürlichen Schale als Mörser.
Diese paar Beispiele zeigen, wie schwierig die zeitliche und sachliche
Bestimmung der Schalensteine sein kann, wenn man ihre Beziehung nicht kennt.
Sie sind selbstverständlich, solange Brauch und Funktion mit ihnen verbunden
bleiben, und gehören zu den schönsten Urkunden unserer Geschichte, wenn schon
die Dämmerung über ihnen liegt.
1 Der Tessin hat heute noch eine ganz besonders lebendige
Beziehung zum Stein. Man beachte z. B. die monolithischen Türbalken in Tegna,
Arcegno und Losone oder den 4 m langen Monolithen mit kopfähnlicher Bosse in
der Mitte in einer Mauer in S. Rocco-Losone. (Es wird m. E. höchste Zeit, dass
diese Monolithen, die eine alte Tradition verraten, aufgenommen und geschützt
würden. K.K.-T.).
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Aus dem
Nachruf von Joachim
Schroeter:
Die Gabe des Intuitierens hatte Ernst Frick seit Jahrzehnten von der rein
künstlerischen Betätigung weitab geführt. Ihn zog jenes Forschungsgebiet
besonders an, das Leopold Rütimeyer in seiner "Urethnographie der Schweiz" in
methodisch vorzüglicher Weise dargestellt hatte: das Überleben der Reliktformen
prähistorischer Kulturen. Unter anderem beschäftigte ihn das Problem der Schalensteine (vgl.
"Jahrbuch
der Schweiz. Gesellschaft für Urgeschichte", Band 34, 1943); dann die monolithischen Türstürze, eine
Bauform, die im Tessin sehr lange, bis ins 19. Jahrhundert hinein, überlebt hat
und wovon sich in Losone, Arcegno und Tegna einige sehr eindrückliche Beispiele
finden, auf die Frick wohl zuerst aufmerksam geworden ist.
letzte Aktualisierung: 28.03.2009