Ernst Frick
1881 – 1956

 

 
Reportagen über Ernst Frick

Ernst Frick's Staffelei
© Copyright by Wolfgang Frick
Seine Handpalette (Farbenmischbrett)
 

Das Ideale Heim, 1929
SIE UND ER, 1937
Münchner Illustrierte
Gedächtnisausstellung Brissago-Inseln, 1962
Nachruf

 
Balla Drume
Der Große Bär
Schalensteine
Urspracheforschung
 
Wikipedia

Artikel über Ernst Frick, erschienen 1929 in der Dezember-Ausgabe (Nr. 12) im "DAS IDEALE HEIM"

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Ernst Frick lernte ich inmitten eines aufreizenden Gemisches von Düften, Wärme, lockendem See, Lichteffekten und anregenden Gesprächen kennen. Ich glaube, es war im ersten Kriegsjahr. Vor der Wirtschaft eines südlichen Dorfes sassen eines Abends einige Männer und Frauen, auf deren Gesichtern das Wonnegefühl des Daseins wie Herzflammen leuchtete. Der See rauschte. Ein Blendlicht fegte über das Wasser und zuckte zurück. Man schwelgte lautlos in die Stille. Frick sass an der dunkelsten Tischecke, still, schmal, linkisch-schweizerisch, drehte sich eine Zigarette und lauschte so gedanklich versunken, dass es auf seiner steilen Stirne lichternd kam und ging.
 
Da sagte einer: Diese spätsommerliche, dunkle Nacht sollte man irgendwie künstlerisch festhalten können; malerisch, gedanklich und musikalisch. Aber allen verständlich. So, dass jeder sofort in den abendlichen Stimmungszauber hineingerissen würde.
 
Unmöglich, entgegnete es. Auch hier feiert dieses verhasste Wort Triumph. Es sind eben auch der Kunst Grenzen gezogen, über die hinaus kein Wille zwingt.
 
Als wäre eine Biene Honigsein aufgescheucht worden, so schwirrten die Gedanken erregt hin und her.
 
Kunst war wohl nie etwas anderes als reifende kontemplative Regsamkeit in uns. Ein Geschenk des Himmels. Einzig und einzeln. Als Mittler geschaffen, uns den Verlust des Paradieses verschmerzen zu helfen und das Leben lichter zu machen. Kunst ist also Notbehelf und Krücke, Aufschwünge der Seele stützen. Ich kann es nicht so recht erklären.
 
In stillem Einverständnis geht später alles zu den Booten im nachtschwarzen See. Die Ruder klatschten leise im Wasser. Da schoss es: Es ist nicht nötig, Kunst zu erklären, denn es gibt viele Dinge, die einfach da sind. Als Beweis kann ich ja ein Sätzlein Raffaels umbiegen: "... so wenig als sich einer Rechenschaft geben kann, warum er eine rauhe oder liebliche Stimme hat, so wenig kann ich sagen, warum ich Künstler bin und warum die Bilder, die ich male, so und nicht anders werden ..." Vielleicht ist der Wille des Menschen nichts gegen den inneren Zwang der Seele.
 
Das alles drang auf mich ein, als ich erstmals allein in Fricks Atelier sass. Auf einem Fenstergesims stehen dort zwei Plastiken aus seiner Jugendzeit: Kniend hebt ein Knabe seine beiden mageren Arme zum Himmel empor, inbrünstig nach Erleuchtung und Erlösung aus seiner Erdgebundenheit flehend; und die andere: Auf die Knie gesunken ist die arme Seele, ganz in sich zusammengestürzt aller Lebensmut vor der Kraft der Verhältnisse, die Schicksal sind.
 
Seither weiss ich, dass Ernst Frick schon in jener rätselvollen Sommernacht mit der innigsten Potenz seines Wesens und mit den letzten Blutstropfen seines Herzens Künstler war, obschon er noch keine Bilder malte.
 
Die entstanden erst viel später, als der Krieg zusammenbrach und vieles in Welt und Familien sich wandelte. Mancher trägt eine Liebe jahrzehntelang still mit sich herum, bis er sich offenbart. Ob sie auch brennt und wühlt und drängt, sie muss warten, gebannt durch die unheimliche Macht, die über unser Dasein befiehlt. Auch Ernst Frick musste warten, der Kunst in milder Bereitschaft und gedanklicher Liebe ergeben. Nicht. alle Umstände sind eigenem, geschweige denn fremdem Verstande fassbar. Aber sie werden uns doch anvertraut wie Samenkörner zum Einsähen- und Gedeihenlassen und machen demütig. Bis der Glaube im Herzen an die Kraft des endlichen Durchbruches siegt und die Stunde kommt, da es aus Tiefen aufquellt und überbordet, um aufblühend zu beglücken wie eine Frühlingswiese. Ist dann alles vorüber und das Aus-Sich-Heraustreten überwunden, so war die vergangene Zeit nichts als ein leerer Raum. So lichtvoll und farbig ist jetzt alles geworden, und so gänzlich neu steht man dem Leben gegenüber. Darüber wäre aus Ernst Fricks Leben viel Interessantes zu erzählen.
 
Von dem Augenblick, da ich erstmals einem seiner Bilder gegenüberstand, weiss ich noch, dass ich ungeheuer überrascht war. Etwa wie wenn vor einem, der lange in einem dunklen Gang gegangen, eine Tür aufgerissen wird und jetzt ein sanftes, helles Sonnenlicht hereinstürzt. Ich war geblendet. Das Bild war als "Kreis" betitelt: in tiefe, dunkelblaue Nacht ragte ein Berg, darüber lag ein Halbkreis in helle Wölklein gebettet und in der Mitte leuchtete ein feierlich-bläuliches Licht. Weiter nichts. Ein Werk aus Traum und Erlebnis, das fühlte ich gleich. Eine Sehnsucht nach dem Unendlichen, nach Reinheit und Wahrheit suchend. Alles darin war ganz einfach, eine visionäre Schöpfung von begrenzter Farbigkeit.
 
Seitdem bin ich der Kunst Fricks nachgegangen wie einer schönen Frau, für die man eine stille Verehrung hegt. Ich sah Landschaften und Bildnisse in Öl, Aquarelle und Zeichnungen. Sie alle tragen die leuchtenden Zeichen einer stillen, unberührbaren Zartheit, sowohl was Form und stofflichen Inhalt, als auch die malerische Textur angehen. Sie alle sind wie unter einem milden, geborgenen Licht entstanden und bei seliger Selbstvergessenheit gemalt.
 
Thematisch hat Ernst Frick eine Grundsehnsucht nach Natur in Verbindung mit dem Primitiven menschlicher Behausung. Relativer Unberührtheit gehört sein Herz, sein Fühlen und Denken. Diese Befriedigung findet er in Bosco, jenem hochgelegenen Bergdorf, das als germanische Sprachinsel mitten im Tessinisch-Italienischen liegt. Zu diesen Bergbauern flüchtet er alle Jahre aus der Tiefe und lebt mit ihnen. Hier spannt sich blauer Himmel über Berge, Weiden und Hütten und hier erhält auch seine künstlerische Absicht immer neue Nahrung.
 
Bosco erlebt er in seinen erdnahen Formen engster Gebundenheit und für Bosco setzt er die Schwerkraft seiner künstlerischen Begabung ein. Immer wieder sehen wir Hütten, Ställe und Alpen dieses Hochtals und alle Bilder im gleichen Tempo seiner herzwarmen Empfindung gemalt: schlicht und feierlich. lm zartesten Erfassen des Stofflichen und in seiner Durchseelung zum lebendig-blutvollen Geschehen erkennt man seine tiefste Verbundenheit mit diesem Flecken einsamer Welt. Das ist Bosco im Vorfrühling, wenn erste Sonne die weissen Berge vergoldet und Bäume und Matten wartend harren. Und da ist der Weg zur Maria im Schnee, dem Halt und der seelischen Zuversicht des Dorfes, das, von Lawinen bedroht, den Menschen eine karge Heimat ist. Da geht aber auch eine Treppe zu einem fast übermütig roten Haus empor, das gegen gelblich-graue Hütten und tiefblauen Himmel steht. Ein Bild, licht und sonnigfroh und gänzlich absichtslos, das gar nichts von jenen künstlerischen Hemmungen verrät, die sich gerne zwischen Empfinden, Wollen und Gelingen drängen; eine symphonische Dichtung seliger Malerfreuden. Mit nämlicher Glückhaftigkeit geniesst man die "Grossalp in Bosco", auf der alles freudig bewegten Herzens im Auf und Ab des Landes, in Gelb-Blau-Grauweiss und sommerlicher Reife schwelgt.
 
Die hier wiedergegebenen Proben zeigen nur ein mangelhaftes Bild Frickscher Landschaftskunst (die charakteristischen Werke sind alle in ausländischem Besitz, und es waren leider nicht einmal Photographien davon erhältlich). Das Belegte genügt aber, um daraus das Wesentliche in seinem künstlerischen Schaffen festzustellen: Völliger Verzicht auf alles Bestechende und Äusserliche in Vorwurf und Farbe; kontemplatives Anschauen und Nachdenken steigert die zufälligen Formen der Natur zu Gebilden mit eigenen Gesichten und Erkenntnissen. Alles in allem eine Kunst, die gross in der Schlichtheit und reich in der Sparsamkeit der aufgewandten Mittel ist.
 
Wie die Landschaften sind auch die Zeichnungen ohne bewusste Wirkungen auf den Beschauer entstanden. In ihrer Reinheit und herzlichen Einfalt sind sie wie Knospen eines Frühlingsbaums, die stille Ahnungen voll lichter Wesen eines göttlichen Weltbildes sind. Zeichnend gerät Frick unbewusst unter die Nazarener im Sinne christlich orientierter Gedankenkunst. Denn alles Schlichte und Einfältige ist Religion. Wer schärfer schaut, erkennt auch hier seine sehnsüchtig blickenden Augen und den Abglanz seines Herzens, das nach Vergeistigung und individueller Gestaltung ringt. Die Beschäftigung mit religiösen Problemen ist nicht von ungefähr; sie drängten sich dem Jahre um Licht und Stärke, Wahrheit und Freiheit Betenden einfach auf. Und wer nach Einfachheit strebt, kommt ohne Umwege auch zu den klugen und guten Worten, die Christus zu seinen Jüngern sprach.
 
Es liegen daher aus dem Evangelium Christi Dutzende von Szenen festgebannt in Mappen: Die Geburt im Stall zu Bethlehem; die Hirten auf dem Felde; die Taufe Jesus'; der zwölfjährige Jesus im Tempel; die Flucht aus Ägypten; die Bergpredigt; die Ehebrecherin usw. Jedes Blatt ist neu geschaut, vom Herkömmlichen abgewichen, dem Kern des Inhalts auf den Leib gerückt, ganz natürlich, daher ergreifend und künstlerisch entzückend. Seine Bildnisse sind von nämlichen Absichten diktiert. Wiederum ist es Ernst Frick nur um die Entdeckung der Seele zu tun. In seinen Gesichtern soll der Beschauer lesen können, und wenn er sehen gelernt, liegt ihm das Innerste eines Menschen bloss. Es ist ihm nicht die unbedingte Ähnlichkeit das Wichtigste, sondern die typische Lebendigkeit und das prickelnd Geistige des Menschen soll herrschen. Man betrachte daraufhin das Selbstbildnis des Künstlers und das Porträt seines Töchterchens. Dort wache Spannung, Ergriffensein in den betonten Konturen; hier quietschlebendige Daseinsfreude, quirlende Zierlichkeit. In beiden goldlautere Echtheit, darum berühren sie wohltuend und vertrauensvoll.

Ernst Frick

 08.08.1925 Töchterchen Ruth (5 J.)

© Copyright by Wolfgang Frick

Über die Aquarelle, die von freimütiger Offenheit, duftiger Flüssigkeit und herrlicher Augenblicksdiktion durchrungen sind, sprechen wir ein andermal. Später, wenn das malerische Werk Ernst Fricks weitergediehen ist. " ... denn alles ist ja noch in der Entwicklung", wehrte der Künstler bescheiden. - Wir warten und lauschen gerne dem Gärenden und Sprudelnden, bis es selbstische Anschauung und Gestalt geworden ist.

Ulrich Amstutz.

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Zu Ernst Frick, anlässlich des Beitrags "Zum Großen Bären" der Zeitschrift "SIE UND ER", Nr. 32, 1937, geschrieben:
 
Hoch oben, auf der Collina (später Monte Verità genannt), ein wenig versteckt, liegt das Häuschen, in dem Ernst Frick wohnt. In Knonau bei Zürich 1881 geboren, ist seine Arbeit Kampf, angespanntes Ringen, um der eigenen strengen, unerbittlichen Kritik zu genügen.
"Meine Erfolge in der Öffentlichkeit sind bescheiden. Hin und wieder lese ich meinen Namen in fremden oder hiesigen Kunstzeitschriften. An Ausstellungen beteilige ich mich selten und - meines Wissens besitzt keine Galerie ein Bild von mir. Nur das ist mein Rekord!"
Fricks Landschaften sind einsam, das mystische Blau-Lila, das er in Beziehung bringt zum Braun der Holzstämme, ist naturnah. Man fühlt Trost, der wie aus einer großen Stille kommt. Ich sehe das Bergdorf im Tessin - gleichsam ein letztes Haus am Ende aller Dinge, letzte Zuflucht. Natur als Heimat der Heimatlosen.

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Münchner Illustrierte
Münchner Illustrierte
© Copyright by Wolfgang Frick

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Der nachfolgende Artikel wurde von Karl Otten, Ascona, anlässlich der Gedächtnisausstellung 1962 auf den Brissago-Inseln im Langensee (Lago Maggiore) verfasst.

Ernst Frick gehört zu jener Spezies Mensch, die so erfüllt ist von sich, dass man erst mit großer Anstrengung und Ausdauer dahinter kommt, was sie eigentlich ist, was sie bedeutet, wohin sie zielt. Erst nach Jahren erfährt der Freund aus der Fülle aktivster Sphären, das Ernst Frick Maler war - was aber nur dazu dient, diesen Mann noch geheimnisvoller zu machen, noch lebendiger, dem höheren Leben so viel näher. Denn Ernst Frick war in erster Linie ein vom Leben ergriffener Künstler, der für sich und seine Ideen nur eines verlangte, um eines allein kämpfte: Freiheit. Freiheit bedeutete für ihn wie für seine Freunde die permanente Revolution um Liebe und Freundschaft.
 
Früh geriet er in das magnetische Kraftfeld eines außergewöhnlichen Menschen, des Psychoanalytikers
Otto Groß, der in Ascona, dem Dorfe der Naturmenschen vor dem Ersten Weltkrieg, ein Zentrum geistiger Beziehungen zwischen Künstlern schuf.
 
Mitstreiter der expressionistischen Generation, half Groß vielen Dichtern, u. a. Leonhard Frank und Franz Jung, den Weg zu sich selbst zu finden. Zu ihnen, den Erweckten, gehörte also der intime Freund Ernst Frick, der den Mut fand, die Revolution des Individuums bis zum Ende durchzuhalten. Er lehnte jeden Zwang ab. Anarcho-Pazifist und Freund aller Gedemütigten, wurde er Kind der Landstraße, auf der er von Ort zu Ort, von Erlebnis zu Erlebnis pilgernd, die Wallfahrt zum unbekannten Gotte tat. Er gehörte zum Kreise von Gustav Landauer, Erich Mühsam und Fritz Brupbacher, die - als Gegner jeder Gewaltanwendung - den Fluch dieses Jahrhunderts: den Krieg, durch Wort und Werk zu lindern suchten und halfen, wo sie nur konnten. Im Ersten Weltkrieg, in Ascona, erweiterte sich dieser politische Kreis um die Künstler Arthur Segal, Alexander Jawlenski und Marianne von Werefkin.
 
Als Mensch, Kämpfer und Künstler gehört Ernst Frick zu den großen Unbekannten, die erst entdeckt werden, wenn ihre Gegenwart dringlich und notwendig wird.
 
Karl Otten

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Nachruf, 21.09.1956, geschrieben von Joachim Schroeter

In der Stille, die ihn schon seit manchen Jahren umgeben hatte, und gänzlich zurückgezogen vom Getriebe des Ortes Ascona, ist Ernst Frick am 23. August 1956, einen Monat vor seinem 75. Geburtstag, nach langem Kranksein entschlafen.
Als er 1911 in das damals so ruhige Fischerdorf kam, lag eine bewegte, nicht leichte Jugend hinter ihm. Wirtschaftliche Notwendigkeit hatte ihn als Vierzehnjährigen, nach dem tragischen Tode des einem Eisenbahnunglück zum Opfer gefallenen Vaters, gezwungen, einen Arbeitsplatz in einer Gießerei anzunehmen. So musste er das heimatliche Knonau ZH verlassen, und die Erfüllung seines Jungendtraumes, Bildhauer zu werden, wurde zunichte gemacht.
 
Nach den wechselvollen Schicksalsläufen seiner Wanderjahre, die Ernst Frick teilweise auch im Ausland verlebte, ist er dann im Tessin Maler geworden. Er gehörte dort dem ältesten Künstlerkreis an, der seinen Ausgang direkt von diesem Ort nahm. In der Zeit, in dem er Mitglied der Künstlergruppe
Der Große Bär war, jenes künstlerischen Siebengestirns um Walter Helbig und Marianne von Werefkin, ist seine Entwicklung vielleicht am kürzesten zu kennzeichnen als eine höchst lebendige Auseinandersetzung mit dem französischen späten Impressionismus. In den Aquarellen und aquarellierten Federzeichnungen von Tessiner Landschaften - um Berg und See - ist wohl sein malerischer Stil am deutlichsten ausgeprägt: Diese Bilder fangen die Lichtfülle ein und geben sie durch eine eigenartig zarte Transparenz wider. Fallen die früheren Arbeiten durch Straffheit und Modellierung beziehungsweise Zeichnung auf, so stellt sich in den spätern Bildern eine schwerelose Duftigkeit ein. Im "archaischen" Tessin, in den Bergen, wo das Weiterleben einer uralten Ordnung ihn besonders anzog, malte er auch den Menschen bei seiner Tätigkeit, vor allem den Hirten und seine Herde. Im Sommer und Herbst weilte er meist in Bosco/Gurin. Von den im Tessin ansässigen zugewanderten Malern stand Ernst Frick sicherlich der Natur am nächsten, bestimmt aber jenem archaischen Tessin, das seine intuitive Art besonders zu beflügeln vermochte.
 
Ernst Fricks malerisches Werk allein vermag nicht den innern Reichtum seiner seltenen Persönlichkeit zu enthüllen. Kam man mit ihm ins Gespräch, so wurde man bald inne, dass dieser Reichtum einer unversiegbaren Quelle glich. Dann trug er seine Meinungen und Ideen oft sprudelnd vor, bald aber auch wieder verhalten, in etwas abgehackten Sätzen. Gelegentlich konnte sein Vortrag beinahe apodiktisch wirken. Der hagere Mensch mit dem scharf geschnittenen, fast asketisch wirkenden Profil wusste, was er sprach. Äußerliche Dinge berührten ihn kaum. Ein Gespräch mit Ernst Frick wurde früher oder später ein Ausflug in eine geistige Welt. Er zeigte dabei auch etwa bei der Erörterung der Tagespolitik eine so erfrischend nonkonformistische Art, dass Phantasielose oftmals vermeinten, ihn als einen wirklichkeitsfremden Idealisten ansprechen zu müssen.
 
Die Gabe des Intuitierens hatte Ernst Frick seit Jahrzehnten von der rein künstlerischen Betätigung weitab geführt. Ihn zog jenes Forschungsgebiet besonders an, das Leopold Rütimeyer in seiner "Urethnographie der Schweiz" in methodisch vorzüglicher Weise dargestellt hatte: das Überleben der Reliktformen prähistorischer Kulturen. Unter anderem beschäftigte ihn das Problem der
Schalensteine (vgl. "Jahrbuch der Schweiz. Gesellschaft für Urgeschichte", Band 34, 1943); dann die monolithischen Türstürze, eine Bauform, die im Tessin sehr lange, bis ins 19. Jahrhundert hinein, überlebt hat und wovon sich in Losone, Arcegno und Tegna einige sehr eindrückliche Beispiele finden, auf die Frick wohl zuerst aufmerksam geworden ist.
 
Anfangs der dreißiger Jahre entdeckte Ernst Frick ein vorgeschichtliches Refugium von enormen räumlichen Ausmaßen, welches in friedlichen Zeiten als Wohnburg diente. Es umfasst den ganzen höheren Teil des oberhalb von Moscia liegenden Hügels '
Balla Drume' ('Baladrüm' gesprochen); sein Ascona zugewandter Teil führt noch heute den Namen 'Casteji'. Bei Sondierungen wurden eisenzeitliche Funde gemacht; der Burgberg, der in einem ganzen System von Hochwachten bis Bellinzona eine beherrschende Rolle eingenommen haben muss, ist also mindestens zur Zeit der großen Keltenzüge (ab 400 v. Chr.)  bewohnt gewesen. Hier hat die Natur gewaltige Felsbollwerke errichtet und den Hügel zur Festung geradezu vorausbestimmt. Der Mensch brauchte nur an den strategisch schwächeren Stellen des mehrfach terrassierten Berggeländes einzugreifen, indem er eine oder mehrere Reihen von Trockenmauern einfügte, wodurch ein höchst wirksames, imponierendes Sperrsystem geschaffen wurde. Den glücklichen Fund hat Ernst Frick in der "Neuen Zürcher Zeitung" vom 10. März 1940 (Nr. 358) angezeigt. In einem in der "Urschweiz" veröffentlichten ausführlichen Bericht (9. Jahrgang, 1945, Nr. 1, Seite 11) sagt Karl Keller-Tarnuzzer, es könne die Entdeckung einer so gewaltigen urgeschichtlichen Befestigung für die ganze mitteleuropäische Forschung gar nicht überschätzt werden.
 
Eine Synthese von Sachkenntnis und Intuition kommt auch in Ernst Fricks langjährigen etymologisch-linguistischen Forschungen zum Ausdruck. Er hatte sich - als Autodidakt - ungewöhnliche Kenntnisse der keltischen Sprachen erworben und hatte - ursprünglich von der Aufnahme der Orts- und Flurnamen besonders im Tessin ausgehend, dann aber auch im ganzen Alpenraum und weit darüber hinaus - in geduldiger Arbeit eine nach Wurzelwörtern geordnete Kartei angelegt, die er ständig erweiterte und verbesserte. Genau wie er, irgendein allgemeines Problem aufgreifend, nicht ruhte, bevor er an die Wurzel gelangt war, so waren es im Bereich der Sprache die 'Urwörter', denen sich sein ganzes Interesse zuwandte. Im Gespräch vergleicht er seine Methodik der Wortforschung oft mit der Tätigkeit des strategischen Geologen (der sich nach 'Leitfossilien' orientiert) oder auch das höchst wandlungsfähige Verhalten eines Wortes mit Vorgängen in der Gesteinsmetamorphose. Mancher Forscher vom Fach weiß sich Ernst Frick für empfangene Anregungen zu Dank verpflichtet.
 
Es war ihm in einem ganz besonderen Maße gegeben, Dinge aufzuspüren, für die es keine literarischen Belege gibt bzw. gab. Aus lebendigem Anschauungsvermögen, aus Intuition und einer ganzheitlichen Denkweise heraus vermochte er ein Problem wahrhaft zu durchleuchten. Was konnte da anregender und fruchtbarer sein, als seinem Gedankengang zu folgen? Wer Ernst Frick näher gekannt hat, hat mit Wehmut von ihm Abschied genommen. Er verkörperte einen Persönlichkeitstypus, der der Menschheit verloren zu gehen droht und den man in nicht ferner Zeit vielleicht schon gänzlich vermissen wird. Und auch in diese Vorahnung mischt sich eine wehmütige Empfindung.

Joachim Schroeter

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letzte Aktualisierung: 31.10.2009