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Ernst Frick |
Reportagen über Ernst Frick

© Copyright by
Wolfgang Frick
Seine Handpalette (Farbenmischbrett)
Das Ideale Heim, 1929
SIE UND ER, 1937
Münchner Illustrierte
Gedächtnisausstellung Brissago-Inseln,
1962
Nachruf
Balla Drume
Der Große Bär
Schalensteine
Urspracheforschung
Wikipedia
Artikel über Ernst Frick,
erschienen 1929 in der Dezember-Ausgabe (Nr. 12) im "DAS
IDEALE HEIM"
zur Kopie des Original-Artikels
Ernst Frick lernte ich inmitten eines aufreizenden Gemisches von Düften, Wärme,
lockendem See, Lichteffekten und anregenden Gesprächen kennen. Ich glaube, es
war im ersten Kriegsjahr. Vor der Wirtschaft eines südlichen Dorfes sassen eines
Abends einige Männer und Frauen, auf deren Gesichtern das Wonnegefühl des
Daseins wie Herzflammen leuchtete. Der See rauschte. Ein Blendlicht fegte über
das Wasser und zuckte zurück. Man schwelgte lautlos in die Stille. Frick sass an
der dunkelsten Tischecke, still, schmal, linkisch-schweizerisch, drehte sich
eine Zigarette und lauschte so gedanklich versunken, dass es auf seiner steilen
Stirne lichternd kam und ging.
Da sagte einer: Diese spätsommerliche, dunkle Nacht sollte man irgendwie
künstlerisch festhalten können; malerisch, gedanklich und musikalisch. Aber
allen verständlich. So, dass jeder sofort in den abendlichen Stimmungszauber
hineingerissen würde.
Unmöglich, entgegnete es. Auch hier feiert dieses verhasste Wort Triumph. Es sind
eben auch der Kunst Grenzen gezogen, über die hinaus kein Wille zwingt.
Als wäre eine Biene Honigsein aufgescheucht worden, so schwirrten die Gedanken
erregt hin und her.
Kunst war wohl nie etwas anderes als reifende kontemplative Regsamkeit in uns.
Ein Geschenk des Himmels. Einzig und einzeln. Als Mittler geschaffen, uns den
Verlust des Paradieses verschmerzen zu helfen und das Leben lichter zu machen.
Kunst ist also Notbehelf und Krücke, Aufschwünge der Seele stützen. Ich kann es
nicht so recht erklären.
In stillem Einverständnis geht später alles zu den Booten im nachtschwarzen See.
Die Ruder klatschten leise im Wasser. Da schoss es: Es ist nicht nötig, Kunst
zu erklären, denn es gibt viele Dinge, die einfach da sind. Als Beweis kann ich
ja ein Sätzlein Raffaels umbiegen: "... so wenig als sich einer Rechenschaft
geben kann, warum er eine rauhe oder liebliche Stimme hat, so wenig kann ich
sagen, warum ich Künstler bin und warum die Bilder, die ich male, so und nicht
anders werden ..." Vielleicht ist der Wille des Menschen nichts gegen den
inneren Zwang der Seele.
Das alles drang auf mich ein, als ich erstmals allein in Fricks Atelier sass.
Auf einem Fenstergesims stehen dort zwei Plastiken aus seiner Jugendzeit: Kniend
hebt ein Knabe seine beiden mageren Arme zum Himmel empor, inbrünstig nach
Erleuchtung und Erlösung aus seiner Erdgebundenheit flehend; und die andere: Auf
die Knie gesunken ist die arme Seele, ganz in sich zusammengestürzt aller
Lebensmut vor der Kraft der Verhältnisse, die Schicksal sind.
Seither weiss ich, dass Ernst Frick schon in jener rätselvollen Sommernacht mit
der innigsten Potenz seines Wesens und mit den letzten Blutstropfen seines
Herzens Künstler war, obschon er noch keine Bilder malte.
Die entstanden erst viel später, als der Krieg zusammenbrach und vieles in Welt
und Familien sich wandelte. Mancher trägt eine Liebe jahrzehntelang still mit
sich herum, bis er sich offenbart. Ob sie auch brennt und wühlt und drängt, sie
muss warten, gebannt durch die unheimliche Macht, die über unser Dasein
befiehlt. Auch Ernst Frick musste warten, der Kunst in milder Bereitschaft und
gedanklicher Liebe ergeben. Nicht. alle Umstände sind eigenem, geschweige denn
fremdem Verstande fassbar. Aber sie werden uns doch anvertraut wie Samenkörner
zum Einsähen- und Gedeihenlassen und machen demütig. Bis der Glaube im Herzen an
die Kraft des endlichen Durchbruches siegt und die Stunde kommt, da es aus
Tiefen aufquellt und überbordet, um aufblühend zu beglücken wie eine
Frühlingswiese. Ist dann alles vorüber und das Aus-Sich-Heraustreten überwunden,
so war die vergangene Zeit nichts als ein leerer Raum. So lichtvoll und farbig
ist jetzt alles geworden, und so gänzlich neu steht man dem Leben gegenüber.
Darüber wäre aus Ernst Fricks Leben viel Interessantes zu erzählen.
Von dem Augenblick, da ich erstmals einem seiner Bilder gegenüberstand, weiss
ich noch, dass ich ungeheuer überrascht war. Etwa wie wenn vor einem, der lange
in einem dunklen Gang gegangen, eine Tür aufgerissen wird und jetzt ein
sanftes, helles Sonnenlicht hereinstürzt. Ich war geblendet. Das Bild war als
"Kreis" betitelt: in tiefe, dunkelblaue Nacht ragte ein Berg, darüber lag ein
Halbkreis in helle Wölklein gebettet und in der Mitte leuchtete ein
feierlich-bläuliches Licht. Weiter nichts. Ein Werk aus Traum und Erlebnis, das
fühlte ich gleich. Eine Sehnsucht nach dem Unendlichen, nach Reinheit und
Wahrheit suchend. Alles darin war ganz einfach, eine visionäre Schöpfung von
begrenzter Farbigkeit.
Seitdem bin ich der Kunst Fricks nachgegangen wie einer schönen Frau, für die
man eine stille Verehrung hegt. Ich sah Landschaften und Bildnisse in Öl,
Aquarelle und Zeichnungen. Sie alle tragen die leuchtenden Zeichen einer
stillen, unberührbaren Zartheit, sowohl was Form und stofflichen Inhalt, als
auch die
malerische Textur angehen. Sie alle sind wie unter einem milden, geborgenen
Licht entstanden und bei seliger Selbstvergessenheit gemalt.
Thematisch hat Ernst Frick eine Grundsehnsucht nach Natur in Verbindung mit dem
Primitiven menschlicher Behausung. Relativer Unberührtheit gehört sein Herz,
sein Fühlen und Denken. Diese Befriedigung findet er in Bosco, jenem
hochgelegenen Bergdorf, das als germanische Sprachinsel mitten im
Tessinisch-Italienischen liegt. Zu diesen Bergbauern flüchtet er alle Jahre aus
der Tiefe und lebt mit ihnen. Hier spannt sich blauer Himmel über Berge, Weiden
und Hütten und hier erhält auch seine künstlerische Absicht immer neue Nahrung.
Bosco erlebt er in seinen erdnahen Formen engster Gebundenheit und für Bosco
setzt er die Schwerkraft seiner künstlerischen Begabung ein. Immer wieder sehen
wir Hütten, Ställe und Alpen dieses Hochtals und alle Bilder im gleichen Tempo
seiner herzwarmen Empfindung gemalt: schlicht und feierlich. lm zartesten
Erfassen des Stofflichen und in seiner Durchseelung zum lebendig-blutvollen
Geschehen erkennt man seine tiefste Verbundenheit mit diesem Flecken einsamer
Welt. Das ist Bosco im Vorfrühling, wenn erste Sonne die weissen Berge vergoldet
und Bäume und Matten wartend harren. Und da ist der Weg zur Maria im Schnee, dem
Halt und der seelischen Zuversicht des Dorfes, das, von Lawinen bedroht, den
Menschen eine karge Heimat ist. Da geht aber auch eine Treppe zu einem fast
übermütig roten Haus empor, das gegen gelblich-graue Hütten und tiefblauen
Himmel steht. Ein Bild, licht und sonnigfroh und gänzlich absichtslos, das gar
nichts von jenen künstlerischen Hemmungen verrät, die sich gerne zwischen
Empfinden, Wollen und Gelingen drängen; eine symphonische Dichtung seliger
Malerfreuden. Mit nämlicher Glückhaftigkeit geniesst man die "Grossalp in
Bosco", auf der alles freudig bewegten Herzens im Auf und Ab des Landes, in Gelb-Blau-Grauweiss und sommerlicher Reife schwelgt.
Die hier wiedergegebenen Proben zeigen nur ein mangelhaftes Bild Frickscher
Landschaftskunst (die charakteristischen Werke sind alle in ausländischem Besitz,
und es waren leider nicht einmal Photographien davon erhältlich). Das Belegte
genügt aber, um daraus das Wesentliche in seinem künstlerischen Schaffen
festzustellen: Völliger Verzicht auf alles Bestechende und Äusserliche in
Vorwurf und Farbe; kontemplatives Anschauen und Nachdenken steigert die
zufälligen Formen der Natur zu Gebilden mit eigenen Gesichten und Erkenntnissen.
Alles in allem eine Kunst, die gross in der Schlichtheit und reich in der
Sparsamkeit der aufgewandten Mittel ist.
Wie die Landschaften sind auch die Zeichnungen ohne bewusste Wirkungen auf
den Beschauer entstanden. In ihrer Reinheit und herzlichen Einfalt sind sie wie
Knospen eines Frühlingsbaums, die stille Ahnungen voll lichter Wesen eines
göttlichen Weltbildes sind. Zeichnend gerät Frick unbewusst unter die Nazarener
im Sinne christlich orientierter Gedankenkunst. Denn alles Schlichte und
Einfältige ist Religion. Wer schärfer schaut, erkennt auch hier seine
sehnsüchtig blickenden Augen und den Abglanz seines Herzens, das nach
Vergeistigung und individueller Gestaltung ringt. Die Beschäftigung mit
religiösen Problemen ist nicht von ungefähr; sie drängten sich dem Jahre um
Licht und Stärke, Wahrheit und Freiheit Betenden einfach auf. Und wer nach
Einfachheit strebt, kommt ohne Umwege auch zu den klugen und guten Worten, die
Christus zu seinen Jüngern sprach.
Es liegen daher aus dem Evangelium Christi Dutzende von Szenen festgebannt in
Mappen: Die Geburt im Stall zu Bethlehem; die Hirten auf dem Felde; die Taufe
Jesus'; der zwölfjährige Jesus im Tempel; die Flucht aus Ägypten; die
Bergpredigt; die Ehebrecherin usw. Jedes Blatt ist neu geschaut, vom
Herkömmlichen abgewichen, dem Kern des Inhalts auf den Leib gerückt, ganz
natürlich, daher ergreifend und künstlerisch entzückend. Seine Bildnisse sind
von nämlichen Absichten diktiert. Wiederum ist es Ernst Frick nur um die
Entdeckung der Seele zu tun. In seinen Gesichtern soll der Beschauer lesen
können, und wenn er sehen gelernt, liegt ihm das Innerste eines Menschen bloss.
Es ist ihm nicht die unbedingte Ähnlichkeit das Wichtigste, sondern die typische
Lebendigkeit und das prickelnd Geistige des Menschen soll herrschen. Man
betrachte daraufhin das Selbstbildnis des Künstlers und das Porträt seines
Töchterchens. Dort wache Spannung, Ergriffensein in den betonten Konturen; hier quietschlebendige Daseinsfreude, quirlende Zierlichkeit. In beiden goldlautere
Echtheit, darum berühren sie wohltuend und vertrauensvoll.
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Ernst
Frick
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Töchterchen Ruth (5 J.) |
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© Copyright by Wolfgang Frick |
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Über die Aquarelle, die von freimütiger
Offenheit, duftiger Flüssigkeit und herrlicher Augenblicksdiktion durchrungen
sind, sprechen wir ein andermal. Später, wenn das malerische Werk Ernst Fricks weitergediehen ist. " ... denn alles ist ja noch in der Entwicklung", wehrte der
Künstler bescheiden. - Wir warten und lauschen gerne dem Gärenden und
Sprudelnden, bis es selbstische Anschauung und Gestalt geworden ist.
Ulrich Amstutz.
Zu Ernst Frick, anlässlich des Beitrags "Zum
Großen Bären" der Zeitschrift "SIE UND ER", Nr. 32, 1937, geschrieben:
Hoch oben, auf der Collina (später Monte Verità genannt), ein wenig versteckt,
liegt das Häuschen, in dem Ernst Frick wohnt. In Knonau bei Zürich 1881 geboren,
ist seine Arbeit Kampf, angespanntes Ringen, um der eigenen strengen,
unerbittlichen Kritik zu genügen.
"Meine Erfolge in der Öffentlichkeit sind bescheiden. Hin und wieder lese ich
meinen Namen in fremden oder hiesigen Kunstzeitschriften. An Ausstellungen
beteilige ich mich selten und - meines Wissens besitzt keine Galerie ein Bild
von mir. Nur das ist mein Rekord!"
Fricks Landschaften sind einsam, das mystische Blau-Lila, das er in Beziehung
bringt zum Braun der Holzstämme, ist naturnah. Man fühlt Trost, der wie aus einer
großen Stille kommt. Ich sehe das Bergdorf im Tessin - gleichsam ein letztes
Haus am Ende aller Dinge, letzte Zuflucht. Natur als Heimat der Heimatlosen.
Münchner
Illustrierte

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Wolfgang Frick
Der nachfolgende Artikel wurde von Karl
Otten, Ascona, anlässlich der Gedächtnisausstellung 1962 auf den
Brissago-Inseln im Langensee (Lago Maggiore) verfasst.
Ernst Frick gehört zu jener Spezies Mensch, die so erfüllt ist von sich, dass
man erst mit großer Anstrengung und Ausdauer dahinter kommt, was sie eigentlich
ist, was sie bedeutet, wohin sie zielt. Erst nach Jahren erfährt der Freund aus
der Fülle aktivster Sphären, das Ernst Frick Maler war - was aber nur dazu
dient, diesen Mann noch geheimnisvoller zu machen, noch lebendiger, dem höheren
Leben so viel näher. Denn Ernst Frick war in erster Linie ein vom Leben
ergriffener Künstler, der für sich und seine Ideen nur eines verlangte, um eines
allein kämpfte: Freiheit. Freiheit bedeutete für ihn wie für seine Freunde die
permanente Revolution um Liebe und Freundschaft.
Früh geriet er in das
magnetische Kraftfeld eines außergewöhnlichen Menschen, des Psychoanalytikers
Otto Groß,
der in Ascona, dem Dorfe der Naturmenschen vor dem Ersten Weltkrieg, ein Zentrum
geistiger Beziehungen zwischen Künstlern schuf.
Mitstreiter der
expressionistischen Generation, half Groß vielen Dichtern, u. a. Leonhard Frank
und Franz Jung, den Weg zu sich selbst zu finden. Zu ihnen, den Erweckten,
gehörte also der intime Freund Ernst Frick, der den Mut fand, die Revolution des
Individuums bis zum Ende durchzuhalten. Er lehnte jeden Zwang ab.
Anarcho-Pazifist und Freund aller Gedemütigten, wurde er Kind der Landstraße,
auf der er von Ort zu Ort, von Erlebnis zu Erlebnis pilgernd, die Wallfahrt zum
unbekannten Gotte tat. Er gehörte zum Kreise von Gustav Landauer, Erich Mühsam
und Fritz Brupbacher, die - als Gegner jeder Gewaltanwendung - den Fluch dieses
Jahrhunderts: den Krieg, durch Wort und Werk zu lindern suchten und halfen, wo
sie nur konnten. Im Ersten Weltkrieg, in Ascona, erweiterte sich dieser
politische Kreis um die Künstler Arthur Segal, Alexander Jawlenski und Marianne
von Werefkin.
Als Mensch, Kämpfer und Künstler gehört Ernst Frick zu den großen
Unbekannten, die erst entdeckt werden, wenn ihre Gegenwart dringlich und
notwendig wird.
Karl Otten
Nachruf, 21.09.1956, geschrieben von
Joachim Schroeter
In der Stille, die ihn schon seit manchen Jahren umgeben hatte, und gänzlich
zurückgezogen vom Getriebe des Ortes Ascona, ist Ernst Frick am 23. August 1956,
einen Monat vor seinem 75. Geburtstag, nach langem Kranksein entschlafen.
Als er 1911 in das damals so ruhige Fischerdorf kam, lag eine bewegte, nicht
leichte Jugend hinter ihm. Wirtschaftliche Notwendigkeit hatte ihn als
Vierzehnjährigen, nach dem tragischen Tode des einem Eisenbahnunglück zum Opfer
gefallenen Vaters, gezwungen, einen Arbeitsplatz in einer Gießerei anzunehmen.
So musste er das heimatliche Knonau ZH verlassen, und die Erfüllung seines
Jungendtraumes, Bildhauer zu werden, wurde zunichte gemacht.
Nach den wechselvollen Schicksalsläufen seiner Wanderjahre, die Ernst Frick
teilweise auch im Ausland verlebte, ist er dann im Tessin Maler geworden. Er
gehörte dort dem ältesten Künstlerkreis an, der seinen Ausgang direkt von diesem
Ort nahm. In der Zeit, in dem er Mitglied der Künstlergruppe
Der
Große Bär war, jenes künstlerischen Siebengestirns um Walter Helbig und
Marianne von Werefkin, ist seine Entwicklung vielleicht am kürzesten zu
kennzeichnen als eine höchst lebendige Auseinandersetzung mit dem französischen
späten Impressionismus. In den Aquarellen und aquarellierten Federzeichnungen
von Tessiner Landschaften - um Berg und See - ist wohl sein malerischer Stil am
deutlichsten ausgeprägt: Diese Bilder fangen die Lichtfülle ein und geben sie
durch eine eigenartig zarte Transparenz wider. Fallen die früheren Arbeiten
durch Straffheit und Modellierung beziehungsweise Zeichnung auf, so stellt sich
in den spätern Bildern eine schwerelose Duftigkeit ein. Im "archaischen" Tessin,
in den Bergen, wo das Weiterleben einer uralten Ordnung ihn besonders anzog,
malte er auch den Menschen bei seiner Tätigkeit, vor allem den Hirten und seine
Herde. Im Sommer und Herbst weilte er meist in Bosco/Gurin. Von den im Tessin
ansässigen zugewanderten Malern stand Ernst Frick sicherlich der Natur am
nächsten, bestimmt aber jenem archaischen Tessin, das seine intuitive Art
besonders zu beflügeln vermochte.
Ernst Fricks malerisches Werk allein vermag nicht den innern Reichtum seiner
seltenen Persönlichkeit zu enthüllen. Kam man mit ihm ins Gespräch, so wurde man
bald inne, dass dieser Reichtum einer unversiegbaren Quelle glich. Dann trug er
seine Meinungen und Ideen oft sprudelnd vor, bald aber auch wieder verhalten, in
etwas abgehackten Sätzen. Gelegentlich konnte sein Vortrag beinahe apodiktisch
wirken. Der hagere Mensch mit dem scharf geschnittenen, fast asketisch wirkenden
Profil wusste, was er sprach. Äußerliche Dinge berührten ihn kaum. Ein Gespräch
mit Ernst Frick wurde früher oder später ein Ausflug in eine geistige Welt. Er
zeigte dabei auch etwa bei der Erörterung der Tagespolitik eine so erfrischend
nonkonformistische Art, dass Phantasielose oftmals vermeinten, ihn als einen
wirklichkeitsfremden Idealisten ansprechen zu müssen.
Die Gabe des Intuitierens hatte Ernst Frick seit Jahrzehnten von der rein
künstlerischen Betätigung weitab geführt. Ihn zog jenes Forschungsgebiet
besonders an, das Leopold Rütimeyer in seiner "Urethnographie der Schweiz" in
methodisch vorzüglicher Weise dargestellt hatte: das Überleben der Reliktformen
prähistorischer Kulturen. Unter anderem beschäftigte ihn das Problem der
Schalensteine (vgl. "Jahrbuch
der Schweiz. Gesellschaft für Urgeschichte", Band 34, 1943); dann die monolithischen Türstürze, eine
Bauform, die im Tessin sehr lange, bis ins 19. Jahrhundert hinein, überlebt hat
und wovon sich in Losone, Arcegno und Tegna einige sehr eindrückliche Beispiele
finden, auf die Frick wohl zuerst aufmerksam geworden ist.
Anfangs der dreißiger Jahre entdeckte Ernst Frick ein vorgeschichtliches Refugium von
enormen räumlichen Ausmaßen, welches in friedlichen Zeiten als Wohnburg diente.
Es umfasst den ganzen höheren Teil des oberhalb von Moscia liegenden Hügels 'Balla
Drume' ('Baladrüm' gesprochen); sein Ascona zugewandter Teil führt noch
heute den Namen 'Casteji'. Bei Sondierungen wurden eisenzeitliche Funde gemacht;
der Burgberg, der in einem ganzen System von Hochwachten bis Bellinzona eine
beherrschende Rolle eingenommen haben muss, ist also mindestens zur Zeit der
großen Keltenzüge (ab 400 v. Chr.) bewohnt gewesen. Hier hat die Natur gewaltige Felsbollwerke
errichtet und den Hügel zur Festung geradezu vorausbestimmt. Der Mensch brauchte
nur an den strategisch schwächeren Stellen des mehrfach terrassierten
Berggeländes einzugreifen, indem er eine oder mehrere Reihen von Trockenmauern
einfügte, wodurch ein höchst wirksames, imponierendes Sperrsystem geschaffen
wurde. Den glücklichen Fund hat Ernst Frick in der
"Neuen Zürcher Zeitung" vom 10.
März 1940 (Nr. 358) angezeigt. In einem in der "Urschweiz" veröffentlichten
ausführlichen Bericht (9. Jahrgang, 1945, Nr. 1, Seite 11) sagt Karl Keller-Tarnuzzer, es könne die Entdeckung einer so gewaltigen
urgeschichtlichen Befestigung für die ganze mitteleuropäische Forschung gar
nicht überschätzt werden.
Eine Synthese von Sachkenntnis und Intuition kommt auch in Ernst Fricks
langjährigen etymologisch-linguistischen Forschungen zum Ausdruck. Er hatte sich
- als Autodidakt - ungewöhnliche Kenntnisse der keltischen Sprachen erworben und
hatte - ursprünglich von der Aufnahme der Orts- und Flurnamen besonders im
Tessin ausgehend, dann aber auch im ganzen Alpenraum und weit darüber hinaus -
in geduldiger Arbeit eine nach Wurzelwörtern geordnete Kartei angelegt, die er
ständig erweiterte und verbesserte. Genau wie er, irgendein allgemeines Problem
aufgreifend, nicht ruhte, bevor er an die Wurzel gelangt war, so waren es im
Bereich der Sprache die 'Urwörter', denen sich sein ganzes Interesse zuwandte.
Im Gespräch vergleicht er seine Methodik der Wortforschung oft mit der Tätigkeit
des strategischen Geologen (der sich nach 'Leitfossilien' orientiert) oder auch
das höchst wandlungsfähige Verhalten eines Wortes mit Vorgängen in der
Gesteinsmetamorphose. Mancher Forscher vom Fach weiß sich Ernst Frick für
empfangene Anregungen zu Dank verpflichtet.
Es war ihm in einem ganz besonderen Maße gegeben, Dinge aufzuspüren, für die es
keine literarischen Belege gibt bzw. gab. Aus lebendigem Anschauungsvermögen,
aus Intuition und einer ganzheitlichen Denkweise heraus vermochte er ein Problem
wahrhaft zu durchleuchten. Was konnte da anregender und fruchtbarer sein, als
seinem Gedankengang zu folgen? Wer Ernst Frick näher gekannt hat, hat mit
Wehmut von ihm Abschied genommen. Er verkörperte einen Persönlichkeitstypus, der
der Menschheit verloren zu gehen droht und den man in nicht ferner Zeit
vielleicht schon gänzlich vermissen wird. Und auch in diese Vorahnung mischt
sich eine wehmütige Empfindung.
Joachim Schroeter
letzte Aktualisierung: 31.10.2009