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Ernst Frick |
Balla Drume - eine keltische Festung

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Wolfgang Frick
Ernst Frick hat 1928 die keltische Festung Balla Drume (Baladrüm
gesprochen) entdeckt.

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Wolfgang Frick

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Balla Drume, Ascona
Eine grosse eisenzeitliche Festung im Kanton Tessin.
Am 21. Juni 1937 erhielten wir von Herrn Ernst Frick, Kunstmaler in Ascona einen Brief, in dem er uns mitteilte, dass sich in seiner Wohngemeinde ein Berg befinde mit vielen Sperrmauern, die offenbar auf uralte Besiedlung und Befestigung hindeuten. Es mangelte uns damals an Zeit, der Sache nachzugehen. Daraufhin erschien in Nr. 358 der Neuen Zürcher Zeitung vom 10. März 1940 ein ausführlicher Artikel von Herrn Frick über den Balla Drume, in dem er weitere Ausführungen über den von ihm gemeldeten Befund veröffentlichte. Im Herbst 1943 begaben wir uns endlich nach Ascona, wo uns Herr Frick lebhaft begrüsste und uns sofort nach dem Ort seiner Entdeckung führte. Wir haben daraufhin das ganze Terrain sorgfältig abgeschritten, im Frühjahr 1944, nachdem am Berg ein Waldbrand gewütet und alle Einzelheiten vollkommen blossgelegt hatte, möglichst viele photographische Aufnahmen gemacht und gleichzeitig veranlasst, dass das Kommando Flieger und Flab eine gute Flugaufnahme erstellte. Im Sommer 1944 machten wir dann zusammen mit Herrn Frick einige kleine Sondierungen, um in den Besitz von Funden zu gelangen, die dazu dienen sollten, die ganze Anlage zu datieren und in ihrem Wesen abzuklären. Im 34. Jahrbuch unserer Gesellschaft für das Jahr 1943 haben wir schliesslich einen summarischen Bericht mit einer von Herrn Frick erstellten Planskizze veröffentlicht, in dem das Wesentliche der Fachwelt bekannt gegeben wurde. Heute wollen wir den Versuch machen, etwas ausführlicher auf den eigenartigen, geheimnisvollen Berg einzugehen.

Balla Drume
Der Doppelgipfel im Winter, von Arcegno im Norden her.
Balla Drume - offensichtlich ein keltischer Name - erhebt sich westlich über dem Monte Verità oberhalb Ascona. Er streicht parallel zum Langensee. Der von Felsen wild zerrissene Berg mit zwei Gipfelkuppen bildet eine Wildnis von Farn, Brombeerdornen und Niederholz, die nur mit wenigen, kaum sichtbaren Pfaden erschlossen und daher nur wenig begangen ist. Fremde wagen sich selten, Einheimische nur, wenn sie unbedingt müssen, in dieses Revier. Steile Felshänge und -blöcke erschweren den Zugang. Um die obersten Kuppen streichen auf der Südseite einige Terrassen, die das Massiv gliedern und geeignet waren, etwaigen Siedlern die notwendigen ebenen Plätze zu sichern. Die Sage weiss zu berichten, dass hier oben eine Stadt mit Türmen und Kastellen gestanden hätte, und bezeichnender Weise haftet heute noch am östlichen Teil der Flurname Castelli.
Ein einmaliger Besuch genügt nicht, um dem Wesen der alten Anlagen auf die Spur zu kommen. Es ist vielmehr notwendig, immer und immer wiederzukehren, den Berg von den verschiedensten Seiten her anzugehen und die Querverbindungen nach allen Richtungen wiederholt aufzusuchen, bis dem Beschauer endlich das Wesen dieses Menschenwerks, das eine merkwürdig innige Verstrebung mit der Natur zeigt, klar wird. Auch dann noch wird es notwendig sein, dass gelegentlich die Phantasie wenigstens zu Hilfe kommt, und das mindestens solange, als der Berg nicht durch lange und gewissenhafte Ausgrabungen vollkommen durchforscht ist. Heute kann ungefähr folgendes Bild entworfen werden, das sicher aber später einigen Korrekturen ausgesetzt werden wird:
Der Kern der Festung - man ist versucht zu sagen: die Burg - bildet die östliche Kuppe. Von hier aus fallen im Norden die Felsen direkt in das umliegende, vielfach mit Moorboden durchsetzte Gelände ab. Drei Terrassen umsäumen, eine über der andern, auf der Seeseite die „innere Burg". Auf diesen Terrassen standen einst Wohnhütten, von denen noch ansehnliche Spuren, in Form von Trockenmauerfundamenten aus grossen Steinen sichtbar sind. Die Form dieser Hütten ist sehr schwer festzustellen, solange nicht Ausgrabungspläne die Unterlagen dazu liefern. Es scheint aber Rechteckform vorzuherrschen. Die Hütten sind vermutlich von mittlerer Grösse, das heisst, im Allgemeinen kaum über 4 bis 5 m lang und 3 bis 4 m breit. Da im Umkreis der sichtbaren Hüttenplätze sowie in ihrem Innern nicht mehr Steine liegen als im übrigen Gelände, muss angenommen werden, dass nur die Hüttensockel aus Steinen gebaut waren, dass die eigentlichen Hüttenwände aber und die Dachstühle aus Holz bestanden. Die Hütten reihen sich, soweit dies heute festgestellt werden kann, in Serien auf den Bergseiten der Terrassen. Nur dort, wo sich die Terrassen merkbar verbreitern, können solche auch an der Talrandseite beobachtet werden. Der Mittelstreifen der Terrassen scheint dem Verkehr gedient zu haben. An einer Stelle, wo die Talseite der Terrasse von einer mächtigen Felsbastion gekennzeichnet ist, scheint heute noch der Rest eines gepflasterten Fussweges zu liegen.

Balla Drume bei Ascona
Plan von E. Frick aus 34. JB., SGU 1943, 49.

Balla Drume
Grosse Sperrmauer, vermutlich Osttor, mit grossen Deckplatten, die wohl die
ursprüngliche Höhe anzeigen.
Der Sicherung gegen feindliche Überfälle dienten Sperrmauern, die an allen denjenigen Stellen parallel zur Höhenlinie des Balla Drume streichen, die nicht von Felsen ausreichend gesichert waren. Diese Sperrmauern aus trockenem Mauerwerk - gleiten oft von den begehbaren Bergrinnen bis auf die Felsen hinauf. Ihr Erhaltungszustand ist unterschiedlich, doch sind sie an den meisten Steilen noch gut sichtbar. Wir haben verschiedene Abriegelungen gesehen, wo die Mauern heute noch weit über einen Meter hoch erhalten sind, ja an einigen Orten bekommt man den Eindruck, als sei sogar noch die ursprüngliche Höhe vorhanden. Dort ist nämlich die Mauer von mächtigen plattigen Steinen abgedeckt, die im übrigen Mauerwerk fehlen. Überall dort, wo es nötig ist, wird die Absperrung von drei- und vierfachen Mauerzügen besorgt, so dass der Feind bei einem Angriff verschiedene Verteidigungslinien zu überwinden hatte. Zu den Befestigungen der „innern Burg" und der Terrassen gehören schliesslich noch einige Vorwerke, die die ganze Anlage gewaltig ausdehnen. Sie zeigt in der Länge ein Ausmass von ungefähr 600 m und eine Breite von 300 m. Dazu muss aber bemerkt werden, dass nicht alle Trockenmauern zur urgeschichtlichen Anlage gehören; es sind vielmehr im Kriege 1914/18 auch solche von schweizerischem Militär errichtet worden. Bei genauem Studium aber lassen sich die modernen Mauern genügend von den alten unterscheiden.

Balla Drume
Teil einer Sperrmauer
Besonderes Interesse beansprucht der Hauptzugang der Festung. Er ist einwandfrei feststellbar in einer Auffahrtsrampe von mässiger Steigung, die auf der Nordseite des Berges von Nordost aufwärts nach Südwest streicht. Diese Rampe, heute an einigen Teilen in die Tiefe abgestürzt, an andern aber noch vollständig erhalten, nur auf der Bergseite von Steinen aus den darüber stehenden Felsen etwas verschüttet, macht einen imponierenden Eindruck. Sie hat ursprünglich eine Breite von mindestens 3 m besessen und war mit plattigen Steinen abgedeckt. Der ganze Unterbau ruht auf aufgeschichteten Steinen; an den besterhaltenen Stellen sind heute noch die talseitigen Stützmauern gut zu erkennen. Sie besitzen eine Höhe bis zu über einem Meter. Aus der ganzen Anlage, der Breite und mässigen Steigung, geht hervor, dass die Strasse in erster Linie dem Verkehr mit Wagen diente. Leider ist dort, wo die Rampe den eigentlichen Burgbezirk betritt, keine Toranlage mehr zu erkennen. Einige Felsköpfe, auf denen das Tor gestanden haben muss, waren der Erhaltung wenig förderlich. Entweder sind alle Steine des Baues im Laufe der Jahrtausende in die Tiefe gestürzt oder - was wahrscheinlicher ist - war das Tor aus Holz gebaut.

Balla Drume
Stützmauer der Strassenrampe, die auf Balla Drume führt.
Unzweifelhaft war diese Strasse nicht der einzige Zugang. Auf der Südseite zieht sich ein fast felsfreies Band allmählich in die Höhe; es ist an der markantesten Stelle durch eine besonders starke Mauer geschützt. Frick vermutet, dass sich hier das Nordtor befunden habe, das aber sicher nur dem Fussgängerverkehr gedient haben kann. Bezeichnender Weise muss der Durchbruch durch diese Sperrmauer so angelegt worden sein, dass die rechte Seite, also diejenige, in der die Angreifer die Waffen trugen, den Verteidigungswaffen am meisten ausgesetzt war.
Aus welcher Zeit stammt nun diese befestigte Siedlung ? Man wäre versucht, zuerst einmal an Mittelalter zu denken oder - im Hinblick auf den Castello bei Tegna, der in Augenverbindung mit dem Balla Drume steht - an eine römische Anlage. Wer unsern Berg aber immer wieder mit aufmerksamem Auge begangen hat, der hat zunächst einmal festgestellt, dass verhältnismässig sehr wenig Stellen von einer Erdkrume bedeckt sind, dass vielmehr allüberall wieder der nackte Fels zutage tritt. Nicht an einer einzigen Stelle aber zeigen sich irgendwelche Spuren von Ziegeln, behauenen Steinen, wie sie das Mittelalter und die Römerzeit kennt und nirgends auch nur eine Andeutung von Mörtel. Es darf als ganz sicher unterstellt werden, dass seit der Römerzeit - nur Hirten und Neugierige den Berg betraten, niemand aber ihn besiedelte oder befestigte.
Schon bald nach unserer ersten Begehung konnte uns Frick einige wenige Scherben senden, die er oberflächlich jeder nur wenige Zentimeter unter der Oberfläche an den einstigen Siedlungsplätzen gefunden hatte. Wir haben dann bei den gemeinsamen Sondierungen im Sommer 1944 das Fundinventar etwas vermehrt. Immer waren es Scherben, dabei aber ein Eisenmesser und ein Eisenstück, das wir als Einlage eines Kesselrandes deuten möchten, wie er aus den eisenzeitlichen Bronzekesseln des Tessins wohl bekannt ist. Noch ist das Fundinventar äusserst dürftig, so dürftig, dass es gewagt scheinen mag, jetzt schon Schlüsse daraus zuziehen. Da es aber eine gewisse Einheitlichkeit zeigt und nicht nur von einer einzigen Fundstelle stammt, soll der Versuch der Datierung gewagt werden.

Balla Drume im Sommer, von Norden.
Es liegen kennzeichnende Rand- und Bodenstücke, sowie einige Verzierungen vor, darunter nichts was nicht auch diesseits der Alpen in keltischem Inventar gefunden werden könnte. Da ein einziger Scherben noch Anklänge an die frühe Eisenzeit zeigt - aber ein Randprofil der späten Eisenzeit-, so darf mit allem Vorbehalt auf ungefähr 4. und 3. Jahrhundert geschlossen werden. Freilich ist es angezeigt, im Tessin auch die Golaseccastufen zur Datierung heranzuziehen; es besteht kein Zweifel, dass im Golaseccainventar ähnliche Scherben auftreten. Wenn man aber weiss, wie stark, gerade im Tessin, die keltische Kultur auf die italienischen gewirkt hat - man kann vielleicht auch sagen, dass die italienischen Kulturen die keltische stark beeinflusst haben dann weiss man auch, dass typisch keltische Gefässe sich überall eingedrängt haben. Nehmen wir dazu, dass der Name Balla Drume ebenfalls keltisch ist, so haben wir vorderhand keinen Grund anzunehmen, dass nicht die ganze Festung, von der hier die Rede ist, keltischem Stamme angehört.
Der Entdeckung Fricks kommt eine ganz besondere Bedeutung zu. Leider ist die Siedlungsforschung im Tessin noch sehr wenig gefördert. Die Überzahl von römischen und vorrömischen Gräbern mit ihrem Reichtum an herrlichen Beigaben hat die Aufmerksamkeit der dortigen Forschung immer wieder auf sich und von den Siedlungen abgelenkt. Das hat zur Folge, dass wir über das urgeschichtliche Siedlungswesen in der Südschweiz vollkommen im Dunkeln geblieben sind, und dass sich die tessinische Forschung hier erst einige Erfahrung erwerben muss. Es ist eine vielbemerkte Tatsache, dass Siedlungsfunde und Gräberfunde oft verschieden geartet sind, und dass von den einen nicht ohne weiteres auf die andern geschlossen werden darf. Wenn Balla Drume den Anlass bieten sollte, dass unsere Tessiner Kollegen nun auch den Siedlungen auf den Leib rücken, dann hat der Berg bei Ascona eine grosse Aufgabe erfüllt. Aber auch an sich kann die Entdeckung einer so gewaltigen urgeschichtlichen Befestigung für die ganze mitteleuropäische Forschung gar nicht überschätzt werden.
Karl Keller-Tarnuzzer, Sekretär der
Schweizerischen Gesellschaft für Urgeschichte
Balladrume
Aus der Mündungsebene von Melezza und Maggia erhebt sich ein schluchten- und muldenreiches Hügelland im Schatten der steilen Hänge der Corona die Pinci. Hier suchte das Eis von Bavona, Lavizarra und Onsernone, bedrängt durch die Massen des Adulagletschers, den Weg durch das Becken des Langensees nach Süden. Zurück blieb eine Landschaft der Riesen und Hirten: schwarze, in Eis gerundete, von der Sonne verbrannte Höcker, mit Findlingsblöcken übersäht; Heide und helle Birken mit braunen Ringen, von denen seit Jahrtausenden die Hirten die Rinde für ihre Kerzen lösen; Moorseen, offene Weide und Kastanienhaine, nie versiegende Quellen und Bäche, das Klempern der Herdenschellen und freundliche, in eine andere Welt deutende Menschen. Die Dämonen allerdings, erklärte mir ein Mädchen dieser Berge, die zeigen sich nicht mehr, weil die Menschen zu klug geworden sind.
Mitten in dieser Urlandschaft liegt Arcegno; schwarzgraue Mauern, in Obst- und Weingärten versteckt; Tore dunkler Alter, durch die helle Rinder gehen. Südlich vom Dorfe, über einem kleinen Hochplateau, das der Weg von Losone nach Ronco quert, steht der Kamm der Balladrume. Mit mächtigen Wänden, breite Terrassen tragend, sinkt der Berg zur Collina, und zum Ort Ascona an die Wasser des Langensees. Über dem Orte und seinen bergähnlichen Mauern liegt kaum durchdringbares Schweigen dunkel gewordener Jahrtausende. In diesen Mauern aber befand sich das feste Lager von Hirten. Zwar sagt eine endlich und mühsam ausgewühlte Sage, dass auf Balladrume eine Stadt mit Türmen gestanden habe. Ohne Gewalt an der Sage: eine Stadt mit Castellen und Türmen war Ascona, das mittelalterliche Abbild von Balladrume: hier aber bildeten die Felsen die Bastionen, und der Mensch hat, grossartig wie die Natur, aber mit einfachen Mitteln, die Stellung ausgebaut. Zwischen Felswände, über zugängliche Felsköpfe, zogen die Erbauer sperrende Mauern, und erst das Zusammenleben von Fels und Mauer ergibt das befestigte Lagersystem, wie man es aus den zahllosen Beispielen aus der Vorzeit kennt. Die Mauern selbst sind ohne klassische Regel: aufgehäufte Steine, mit schweren Platten abgedeckt, die nochmals mit ihrem Gewicht das Ganze verfestigen, vervollständigt zu denken mit einem Verbau von Stämmen und Ästen, ähnlich dem Stacheldrahtwerk moderner Festungen. Derart ist die Kuppe des Berges eine Burg, die den Kamm für ein Städtchen, wie etwa das zürcherische Regensberg, umschliesst.
Das Besondere an Balladrume ist nun die Angliederung anderer Burgen auf den tieferliegenden Terrassen. Sie sind wie die Oberburg konstruiert; die äusseren und inneren Zugänge doppelt und vielfach mit Mauern gesperrt, so dass jede Burg für sich bewehrt war, der Angreifer aber mit der Eroberung der einen Burg wenig gewann, weil er den zurückweichenden Verteidiger in den oberen Bollwerken wieder vor sich sah. Heute ist der Grossteil der weitläufigen Mauern verfallen; doch lässt die Anlage erkennen, dass gleichermassen unabhängige und verbundene Geschlechter hier wohnten. Durch dieses Burgensystem erklärt sich der andere Name der Balladrume: Casteji, das die Mehrzahl von Burg, Castelli, bedeutet.
Die hier besprochene Landschaft ist jetzt noch Hirtenland und so steht es mit den tessinischen Tälern. Der übergrosse Teil des Bodens ist Gemeindebesitz und Weide; dem ist auch der Wald als Weidland eingeordnet; nur dem Eigenbedarf dient der Ackerbau. Der Hirte ist Nomade; von den Winterweiden in der Tiefe wandert er im Frühling auf die Monti oder Maiensässen, auf die Alpen im Sommer und steigt im Herbst langsam dem Winterlager zu. Gerade dieses musste gegen den landnehmenden Bauern, gegen äussere Feinde überhaupt, verteidigt werden; drum stehen an allen Talzugängen die festen Lager, wenn auch nicht alle so stark wie Balladrume. Die Anwürfe gegen die Gebirgsleute: turba, montanare, peccoraji rapace, in Summa Räuber, sind mit den klassischen Schriftstellern nicht ausgestorben. Der Hirte aber hat nicht vergessen, die Herden können es nicht vergessen, wo ihre Weiden sind; so brennt manches unverstandene Feuer. In den Bergen lebt noch uralte Ordnung. Hier ist die Geschichte der Vorzeit Leben und steht für den fehlenden Literaturnachweis.
An all seinen wechselnden Wohnplätzen hatte der Hirte für sich und seine Herden schützende Lager, die sicher oft auch gegen unfreundliche Nachbarn dienten. Sie finden sich noch in den Höhen der obersten Alpen, Festen der Natur, oft nur durch ihren Namen und ihre Sage kenntlich gemacht. Im Zusammenhang sind zu nennen: die Monti von Agord mit Letzinen und Patnal, ein Burgname hoch über Bosco/Gurin, dessen Alpen bis ins hohe Mittelalter zu Losone gehörten. Alle diese Lager sind nicht zu verwechseln mit städtischen und feudalen Burgen des Altertums. Dass sie unter sich und mit den benachbarten Tälern durch Licht- und Tonsignale in Wachsamkeit in Verbindung standen, macht keine Mühe, sich vorzustellen. Heute noch gehen von Berg zu Tal, von Turm zu Turm, die Rufe und Feuerzeichen und viele Lichter brennen wieder im Zeichen der Wehrbereitschaft.
Der Name Balladrume wirft einiges Licht auf seinen Ort. Er ist ein Doppelwort, etwa wie Belfort, Burgfeste, der keltischen Sprachgruppe angehörend. Zu dieser und ähnlichen Zusammensetzungen lebt er in zahlreichen Ortsnamen Irlands und Schottlands fast unverändert fort, wie Balla, Ballyn, Ballycastle, Dundrum. Leicht verwandelt findet sich diese Art Burgname überall, wo Kelten lebten. Im näheren Kreise Bellinzona-Bilitio, Ballalüna ob Filisur (auf neueren Karten unsinnig "Ballalune"), Balfrei bei Churwalden, die italienischen Bellano und Belluno, unter vielen anderen, ohne die deutschschweizerischen Entsprechungen zu nennen. Die unvertrauten Bastarde Balivo, Balia, Baliaggio für Burgvogt und Vogtei sind im Tessin Geschichte. Drume, besonders ungelautet, spielt kaum eine geringere Rolle in der Namensgebung als Balla.
Ob der Name Balladrume, wie manche andere, leicht italienisierte Ortsnamen des Tessins, von den im 4. Jahrhundert v. Chr. einwandernden Galliern gegeben wurde, oder von einer schon früher einwohnenden verwandten Volksgruppe angehörte, muss mit vielen anderen Beziehungen hier offen bleiben. Weniger von den verwickelten Wandlungen früher Art und ihren vielfältigen Formen sollte die Rede sein, denn von dem Lichte, das unverändert im Dunkel scheint.
Ernst Frick
zur Originalkopie des Artikels in der NZZ - zur Abschrift des Artikels in der NZZ
Die nachfolgende Formulierung wurde
anlässlich der Gedächtnisausstellung 1962 auf den
Brissago-Inseln im Langensee (Lago Maggiore) verfasst.
Die Vorliebe zur Natur mit ihren ursprünglichen Daseinsformen
führte Ernst Frick zur Entdeckung eines überragend angelegten vorgeschichtlichen
Verteidigungssystems aus keltischer Zeitstufe, der so genannten Balla Drume,
oberhalb Asconas. Daraus ergab sich, beinahe zwangsläufig, die Beschäftigung mit
einem weiteren Arbeitsfeld, der
Sprachforschung. Nach einem eigenen Vorgehen in
der Sprachvergleichung versuchte er eine Art
Ursprache zu
erschließen, die zu überraschenden Ergebnissen führte.
Aus dem
Nachruf von Joachim
Schroeter:
Anfangs der dreißiger Jahre entdeckte Ernst Frick ein vorgeschichtliches Refugium von
enormen räumlichen Ausmaßen, welches in friedlichen Zeiten als Wohnburg diente.
Es umfasst den ganzen höheren Teil des oberhalb von Moscia liegenden Hügels 'Balla
Drume' ('Baladrüm' gesprochen); sein Ascona zugewandter Teil führt noch
heute den Namen 'Casteji'. Bei Sondierungen wurden eisenzeitliche Funde gemacht;
der Burgberg, der in einem ganzen System von Hochwachten bis Bellinzona eine
beherrschende Rolle eingenommen haben muss, ist also mindestens zur Zeit der
großen Keltenzüge bewohnt gewesen. Hier hat die Natur gewaltige Felsbollwerke
errichtet und den Hügel zur Festung geradezu vorausbestimmt. Der Mensch brauchte
nur an den strategisch schwächeren Stellen des mehrfach terrassierten
Berggeländes einzugreifen, indem er eine oder mehrere Reihen von Trockenmauern
einfügte, wodurch ein höchst wirksames, imponierendes Sperrsystem geschaffen
wurde. Den glücklichen Fund hat Ernst Frick in der "Neuen Zürcher Zeitung" vom 10.
März 1940 (Nr. 358) angezeigt. In einem in der "Urschweiz" veröffentlichten
ausführlichen Bericht (9. Jahrgang, 1945, Nr. 1, Seite 11) sagt Karl Keller-Tarnuzzer, es könne die Entdeckung einer so gewaltigen
urgeschichtlichen Befestigung für die ganze mitteleuropäische Forschung gar
nicht überschätzt werden.
Dieser Artikel erschien in der Oktober-Ausgabe 1978 in der europäischen
Kunstzeitschrift "DU"
letzte Aktualisierung: 20.08.2009